David Guterson – Ed King


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David Guterson ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er war auch als Englischlehrer und Journalist tätig. Für seinen 1995 (auf deutsch) erschienenen Roman Schnee, der auf Zedern fällt erhielt Guterson den PEN/Faulkner-Award und den Schwedischen Krimipreis. Der Roman wurde 1999 verfilmt.

Was für eine Geschichte! Ich habe außergewöhnlich lange für diesen Roman gebraucht, ich habe mit ihm gekämpft und gerungen und kann jetzt, nach der Lektüre, nicht einmal behaupten, dass er schlecht war. Er war überraschend anders, erfrischend, aber so ganz überzeugt hat mich die Geschichte rund um Ed dann doch nicht. Vielleicht, weil es irgendwie wenig um Ed ging.

Wir befinden uns Anfang der 60er Jahre in Amerika, John F. Kennedy ist US-Präsident und die sechzehnjährige Britin Diane Burroughs ist bei Walter Cousins als Au-Pair Mädchen angestellt. Walter Cousins ist Versicherungsstatistiker, ein Mathematikgenie, leider aber auch ein Casanova, der regelmäßig seine Frau betrügt. Und so landet er auch mit Diane Burroughs, kurz nach deren Erscheinen, im Bett, während seine Frau in einer psychiatrischen Klinik einen Zusammenbruch auskuriert. Es beginnt eine kurze Affäre, die dummerweise zu einem Kind führt. Diane ist jung und wird nach Rückkehr von Walters Frau Lydia wieder aus dem Haushalt entlassen, da ihre Dienste nicht mehr benötigt werden. Walter möchte seinerseits um jeden Preis verhindern, dass diese Affäre und deren Ergebnis ans Licht kommt.

In der darauffolgenden Woche wiederholte sich die ganze Prozedur für die Fahrt zur Adoptionsagentur, damit Diane die Einwilligungserklärung unterschreiben und bestätigen konnte, den Vater des Kindes nicht zu kennen, obwohl der Vater – allerdings hatte Walter immernoch seine Zweifel –  gleich danebensaß und sich als ihre Unterstützung ausgab. Walter war dankbar, dass die zuständige Frau so tat, als hätte sie dies nicht schon hundertmal gesehen – ein schwangeres Mädchen in Begleitung eines älteren Mannes, der als barmherziger Samariter auftrat.

Diane aber flieht nach der Entbindung mit ihrem Sohn aus dem Krankenhaus (natürlich nicht ohne Walter in Zukunft um Unterhalt zu erpressen), um ihn vor der Tür eines Hauses abzulegen, wo sie ein besseres Zuhause für den kleinen Ed vermutet, Walters Affäre(n) fliegt auf, seine Kinder sind zutiefst enttäuscht und Walters Leben zweifellos an einem Punkt angelangt, wo mancher von uns sich über einen Lebenswandel ernste Gedanken machen würde.

„Habe ich jemals etwas richtig gemacht?“, dachte Walter, „Mein Sohn verachtet mich, meine Tochter hasst mich, meine Frau misstraut mir und im Büro halten mich vermutlich alle für einen Vollidioten. Und obendrein bin ich auch noch ein notorischer Fremdgeher. Ich bin ein Dreckskerl, der mit der besten Freundin seiner Frau ins Bett gestiegen ist. Ich bin ein unverbesserlicher, mieser Lügner. Ich habe mich von einem gottverdammten Teenager auf fünfhundert Dollar im Monat erpressen lassen und werde seit … seit mehr als sechzehn Jahren bis aufs Blut ausgequetscht! Das sind, wie viel, hunderttausend Dollar? Mein Gott, was denn noch? Geht’s noch tiefer runter? Aber ja, nicht zu vergessen, ich hatte Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen. Ich habe ein uneheliches Kind gezeugt, von dem ich nicht das Leiseste weiß. Das ist die wahre Geschichte meines Lebens.“

Kurz darauf stirbt Walter Cousins bei einem Autounfall. Von der Straße abgedrängt von seinem unehelichen Kind, über das er nicht das Leiseste weiß. Ed entwickelt sich als „König der Suchmaschinen“ – er leitet ein IT-Unternehmen und forscht im Bereich der Suchmaschinenoptimierung – zu einem der reichsten Menschen des Landes, er heiratet eine wundervolle Frau, ist glücklich und zufrieden – bis zu dem Punkt, an dem er erfährt, dass diese wundervolle Frau an seiner Seite seine Mutter und er ein adoptiertes Findelkind ist.

David Guterson erzählt hier eine moderne Ödipusgeschichte. Das an sich fand ich sehr faszinierend und großartig konstruiert. Diese Passagen, in denen man ganz genau wusste, was da vor sich geht, in denen man begreift, dass er seinen eigenen Vater von der Straße drängt (natürlich ohne es zu wissen) und seine Mutter heiratet (natürlich ohne, es zu wissen), jagen einem kalte Schauer über den Rücken. Aber diese Passagen sind eben doch eher rar gesät. Wesentlich häufiger geht es im Mittelteil um Dianes Schönheitsoperationen, Dianes verzweifelte Bemühungen, nach ihrer ersten Scheidung einen Job zu finden und davor um eine langweilige Ehe zu einem Mann, dessen Familie im Gewerbe für Wintersportgeräte Millionen gemacht hat. Diane lässt sich hier was straffen und dort was liften und dealt mit Koks und hat einen ziemlich miesen Bruder und ihre Mutter war früher die Dorfmatratze, so will sie nicht auch enden.

Das alles kreiste mit ein wenig zu sehr um Diane, während Ed selbst eher am Anfang und am Ende im Fokus stand. Angekündigt wird auch ein Gesellschaftspanorama der 60er Jahre, davon habe ich ziemlich wenig bemerkt, abgesehen von dem einen oder anderen Namen, der beiläufig eingestreut wurde. Ich weiß nicht, ob Eds ganze Geschichte exemplarisch für die Gesellschaft der 60er stehen soll – sexuelle Befreiung und sowas – hoffe aber nicht. Und so habe ich das angekündigte Panorama etwas vermisst. Ein interessantes Buch, in seinem Gerüst, aber für mich keines, das man unbedingt gelesen haben muss.

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7 Gedanken zu “David Guterson – Ed King

  1. Ich habe das Buch noch nicht gelesen. Aber ich kenne solche Auseinandersetzungen mit Geschichten schon. Sicher gibt es Bücher, die sind es dann nicht. Anderen muß man Zeit geben. Die entfalten sich erst mit Abstand. Man greift dann nochmal zu diesen Geschichten und es lohnt sich. Liebe Grüße, mick.

  2. Hm…das mit der Struktur klingt doch wirklich sehr interessant. Als Adaptiond es Ödipus-Stoffes also gelungen, würdest du sagen? Also ich habe es ebenfalls noch nicht gelesen, aber nach dem, was du so darstellt: Könnte es nicht sein, dass es hier um die grundsätzlichen Konflikte zwischen gemeinschaftlicher bürgerlicher Norm und dem Wunsch des Individuums nach freier Entfaltung geht, die ja die 60er mehr bestimmt haben als jede andere Dekade unseres Jahrhunderts? Die Personen versuchen alle in ihren zugewiesenen und angenommenen Rollen zu bleiben. Das Rollenspiel (im Sinne des symbolischen Interaktionismus) muss durch „Fassade“ (Goffman) aufrecht erhalten werden. Insofern könnte man den Roman vielleicht nicht als politisches Panorama, sondern als Panorama gesellschaftlicher Identitätsbildung lesen? Nur so ne Idee, die mir spontan kam.

  3. Hmmm … klingt ganz interessant, vor allem die Struktur des Buches und die moderne Ödipusgeschichte klingen interessant. Bei der Klappentexterin hatte ich vor einigen Monaten eine sehr viel euphorischere Besprechung gelesen, so dass ich jetzt immer noch etwas unentschlossen bin, ob das Buch wirklich etwas für mich ist. Ich werde wohl auf das Taschenbuch warten. 🙂

  4. Mir ging es ähnlich. Wobei eine Kundin im Laden TOTAL begeistert war. Für sie war es das Buch des Jahres.
    Ich bin mal gespannt auf deine aktuelle Lektüre. Ich hab’s schon gelesen, ….

  5. Wirklich schade, dass es mit euch beiden nicht geklappt hat. Mir hat jemand gesagt, entweder man liebt dieses Buch oder gar nicht. Das passt, wenn ich mir auch Samys Kommentar betrachte. Ein kleiner Trost für mich und vielleicht auch für dich. Ich freue mich aber sehr, dass du es trotzdem zu Ende gelesen hast.

    • Ich lese Bücher meistens zu Ende. Schon allein, weil ich weiß, dass ich sonst nicht ruhigen Gewissens darüber schreiben könnte. Ich glaube, ich bewege mich, was die Zuneigung zu diesem Buch betrifft, eher so auf neutralem Gebiet. Ich fand es nicht schlecht, aber der Funke ist eben nicht übergesprungen. (:

  6. Pingback: Mütterlein, Mütterlein | Literaturen

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