Pola Kinski – Kindermund


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Pola Kinski ist eine deutsche Schauspielerin und die Tochter des 1991 verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski. Sie studierte Anfang der 70er an der Otto-Falckenberg-Schule in München, hatte Engagements am Schauspielhaus Bochum und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, arbeitete mit Peter Zadek, außerdem wirkte sie in zahlreichen Fernsehproduktionen mit.

Bevor ich irgendwas Inhaltliches zu dem Buch sage, seien mir ein paar Worte gestattet: Ich empfand es als haarsträubend, wie im Internet vielfach auf die Vorwürfe Pola Kinskis gegen ihren Vater reagiert wurde. Sie wolle doch damit nur Geld verdienen, ihr Vater könne sich ja nicht mehr wehren, sie müsse ja sicherlich ihre Buchverkäufe ankurbeln und was man dergleichen nicht mehr lesen konnte. Es hat mich angewidert und unfassbar wütend gemacht. Fakt ist natürlich, dass wir alle nicht dabei waren. Wir können nichts mit Gewissheit sagen, Klaus Kinski ist seit über zwanzig Jahren tot und kann sich dazu nicht mehr äußern. Wer aber allen Ernstes die Frage stellt, warum Frau Kinski denn jetzt erst damit herauskommt, sollte sich vielleicht mal mit Traumatisierungen und den entsprechenden Auswirkungen beschäftigen. Hätte sie Geld machen wollen, schnell und viel, hatte sie die letzten zwanzig Jahre Zeit dazu. Wer lediglich an finanziellem Gewinn interessiert ist, lässt sich nicht über zwanzig Jahre Zeit damit. Ich finde jedenfalls, dass niemand sich die Freiheit herausnehmen sollte, über diese Frau und ihre Erlebnisse zu urteilen, bloß, weil er vorher Klaus Kinski vergötterte und sich unmöglich vorstellen kann, dass dieser Mann jahrelang seine Tochter vergewaltigt haben könnte. Fakt ist auch: Man kann es sich bei den wenigsten Tätern vorstellen, niemandem ist es auf die Stirn geschrieben, egal ob prominent oder nicht.

Wir essen zu viert immer in der Küche, obwohl im Wohnzimmer ein Esstisch für acht Leute steht. Mama, Heinrich und mein kleiner Bruder im Kinderstuhl sitzen um den Küchentisch herum. Sie lachen, plappern, haben Spaß miteinander. Für mich ist da kein Platz. Deshalb ziehe ich dreimal am Tag das Brett aus der Arbeitsfläche über dem Mülleimer heraus. Ich stelle meinen Teller drauf und schiebe den dreibeinigen Hocker unter meinen Po. Was ich esse, schmecke ich nicht. Dem Rest der Familie kehre ich den Rücken zu, nur die Wand leistet mir Gesellschaft. Für mich ist das normal, ich kenne es nicht anders.

Pola Kinski wächst in einer emotionslosen und kühlen Atmosphäre auf. Ihre Eltern trennen sich früh, sie bleibt bei ihrer Mutter und deren neuem Partner. Doch die Mutter ist der Tochter gegenüber erschreckend gleichgültig. Viel mehr beschäftigt sie sich mit ihrem Partner und dem bald darauf folgenden Kind als mit ihrer Tochter Pola. Es gibt selten Umarmungen, Wärme, Liebe und Geborgenheit. Pola kommt sich unwichtig und störend vor, in ihr keimt immer öfter die Vorstellung auf, dass sie ja doch niemand vermissen würde, wenn sie tot wäre. Dem gegenüber steht ihr cholerischer Vater. Er behandelt sie wie eine Prinzessin, kauft ihr die teuersten Kleider und Schuhe, lädt sie nach Rom ein, wo er große und dekadente Anwesen bewohnt. Er schleppt seine Tochter in die teuersten Restaurants und lässt regelmäßig für sie Kleider nach Maß anfertigen, eine Prozedur, die sich ständig wiederholt und schon allein beim Lesen quälend ist.

Mein Vater wirft mir ein schleierähnliches rosa Fähnchen über den Kopf. Der Anblick scheint ihm zu gefallen, allerdings: „Viel zu groß, es schlägt ja überall Falten!“ Er rutscht auf Knien um mich herum. Geschickt zupft und schiebt er, bindet und steckt. Mit einem eng geschnürten Seidenband wird alles passend gemacht. Er verbringt Stunden damit, mich herauszuputzen, jedenfalls kommt es mir so vor. Dann wird jeder noch so winzige Fussel entfernt, zum Schluss bürstet er meine langen Haare, als würde er dafür bezahlt. Gleich kann ich mich nicht mehr beherrschen! Ich werde schreien, schreien. In meiner Brust ist eine Schar winziger Vögel eingesperrt. Sie picken sich von innen nach außen in die Freiheit. Er befestigt eine Rose auf meinem Kopf. Biggi und meine Schwester sehen genauso aus.

Doch Klaus Kinski herrscht nicht nur über die Seinen wie ein Despot, beobachtet deren Essgewohnheiten und bekommt in der Öffentlichkeit Tobsuchtsanfälle, weil ihn jemand zulange angesehen oder seine Tochter an der falschen Stelle berührt hat, er vergewaltigt seine Tochter Pola. Immer wieder. Und redet ihr dabei ein, dass das vollkommen normal sei, sie aber dennoch mit niemandem darüber reden dürfe, weil er sonst ins Gefängnis käme. Mit seinen unberechenbaren Wutausbrüchen (die man zuvor vielleicht noch für Exzentrik halten konnte), macht er sich seine Umwelt gefügig. Man hat Angst vor seinen Reaktionen, Angst wie vor einer Naturgewalt, die plötzlich ungezügelt über einen hereinbricht.

Ich kann unmöglich alle Situationen zusammenfassen. Es gab soviele, in denen ich mich gefragt habe, wie diese Frau all das ertragen hat. Durch die mangelnde Zuwendung ihrer Mutter fühlte Pola sich von der falschen Liebe ihres Vaters abhängig, lieber diese Liebe als gar keine. Von den Vergewaltigungen selbst spürt sie irgendwann gar nichts mehr, ‚sie macht sich tot‚, wie sie sagt. Danach verschwindet sie im Badezimmer und kotzt. Sie entwickelt Zwangsgedanken und Todesängste. Dieses Buch ist wirklich nicht einfach zu lesen. Ich habe mich aus vielerlei Gründen viel mit dem Thema Missbrauch beschäftigt, Pola Kinskis Schilderungen sind authentisch, bilden in schmerzhafter Offenheit genau die Gefühlswelt eines Menschen ab, der Gewalt dieser Art ausgesetzt war. Ein Buch, das mich sehr erschüttert zurückgelassen hat. Man kann diese Frau eigentlich nur dazu beglückwünschen, dass sie die Kraft gefunden hat, darüber zu sprechen, damit ihre Erinnerungen vielleicht auch ein stückweit loszulassen und ihnen die Wucht zu nehmen.

Pola Kinski bei Reinhold Beckmann

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8 Gedanken zu “Pola Kinski – Kindermund

  1. Ein weiteres Buch, das dieses wichtige Thema erneut in die Öffentlichkeit trägt und zwar, soweit ich das deinem Text entnehme nicht auf die Weise, wie es z.B. die NPD mit ihrer widerlichen Facebook-Seite „1.000.000 Stimmen gegen Kinderschänder“ tut. Die Reaktionen, die du beschreibst sind bezeichnend für unsere Gesellschaft, in der Opfern immer noch die Schuld an Vergewaltigung zugeschrieben wird, in der victim blaming an der Tagesordnung ist. Das sieht man nun ja auch schon wieder an den Kommentaren zur Debatte um alltäglichen Sexismus, die jetzt um die Person Rainer Brüderle ausgelöst wurde. Man kann nur hoffen und weiter kämpfen, dass diese damit einhergehende Toleranz sexualisierter Gewalt und deren implizite Rechtfertigung endlich ein Ende hat!

    • Dieses Buch ist keinesfalls polemisch. Es beschreibt die Erlebnisse auf authentische und ehrliche Art und Weise. Ich bin nur immer noch schockiert darüber, wie leicht es manchen Menschen offenbar fällt, Pola Kinski der Lüge zu bezichtigen. Ich möchte mir keinen Augenblick lang vorstellen, wie es sich anfühlen muss, mit diesen Erinnerungen zu leben und dann noch einen Großteil der Öffentlichkeit dabei zu beobachten, wie man als Lügnerin betitelt wird, die nur die Schlagzeilen und die Kohle will. Das ist so ein eklatanter Mangel an Empathie und Taktgefühl, dass es mit Worten fast nicht auszudrücken ist. Ansonsten gebe ich dir vollkommen Recht!

    • Diesen Gedanken hatte ich in der Tat auch mehrfach. Es muss ja nochmal eine andere Situation sein, wenn der Mensch, der dir das angetan hat, ein Prominenter ist, der über Jahrzehnte für seine künstlerischen Leistungen gefeiert und geehrt wurde.

  2. Deine Rezension liest sich unheimlich beklemmend und bedrückend. „Kindermund“ scheint mir eine schwere Lektüre zu sein, schon beim Lesen deiner Besprechung habe ich mich gefragt, wie Pola diese Behandlung aushält. Ich weiß nicht, ob ich das Buch selber lesen möchte, bin aber froh, dass du es besprochen hast und mit deiner Besprechung vielleicht auch einigen Behauptungen widersprechen konntest. Ich stelle es mir für Pola Kinski sehr schlimm vor, die unterschiedlichen Reaktionen auf ihr Buch aushalten zu müssen.
    Bedrückte Grüße
    Mara

    • Die Lektüre ist auch unglaublich bedrückend. Noch jetzt, wo ich das Buch nun schon zwei Tage ausgelesen und zur Seite gelegt habe, verfolgt es mich irgendwie. Wenn dich die Besprechung schon so bedrückt, ist es vermutlich nichts, was du lesen musst und solltest. Bezüglich der Reaktionen zu ihrem Buch hatte Pola Kinski ja bei Beckmann gesagt (nicht wortwörtlich, sondern so sinngemäß), dass es ihr gleichgültig sei, was darüber gesagt wird. Was über sie gesagt wird. Das kann ich mir fast nicht vorstellen. Ich habe gestern auf Facebook wieder irgendeinen Beitrag gelesen, der sie als „verlogene Schl*mpe“ betitelte .. ich an ihrer Stelle würde das nicht ertragen und hoffe sehr, dass sie es nicht liest. Oder wenn sie es doch tut, die entsprechende familiäre Unterstützung durch Mann und Kinder hat.

  3. Sehr tolle Besprechung. Es ist wirklich irre, wie oft Opfer nicht ernst genommen werden und ihnen alle möglichen niedrigen Bewegründe unterstellt werden. Das macht gleich doppelt trauig.

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