Vladimir Sorokin – Der Schneesturm


RBuc_4214_Web_Bild

Vladimir Georgijewitsch Sorokin ist ein russischer Schriftsteller und Dramatiker. Er gilt als Konzeptkünstler und Kritiker der russischen Regierung. Er beschäftigte sich lange Zeit mit Buchgraphik, Malerei und Konzeptkunst, nahm an mehreren Ausstellungen teil und illustrierte selbst zahlreiche Bücher. Seine eigenen Werke wurden von regierungstreuen Organisationen häufig in Verruf gebracht, besonders durch die Jugendorganisation Iduschtschije Wmeste, die seine Bücher symbolisch im „Klo“ herunterspülte.

Hallelujah! Was für eine wirre Irrfahrt durch Schnee und Eis, passend zum Wetter draußen. Was in diesem Buch an Eindrücken und Stimmungen wie im wildesten Schneegestöber durcheinanderwirbelt, ist nahezu unbeschreiblich! Anfangs liest man noch den typisch schwermütigen Russen heraus, den Dostojewski, fatalistisch voller Gram und Weltschmerz, bis diese Dostojewski-Straße (und nichts gegen Dostojewski!) plötzlich scharf Richtung Bulgakow abbiegt. Ich fühlte mich mitunter stark an Der Meister und Margarita erinnert, bloß, dass es da nicht so höllisch kalt war. Aber der Reihe nach.

„Sich besaufen und umfallen. Auf offener Straße. Das ist der Wahnsinn! Der russische Wahnsinn!“, grinste der Doktor, dem das Lachen die Röte ins Gesicht getrieben hatte, holte sein Etui hervor und rauchte die letzte Zigarette.

Protagonist ist Platon Garin. Ein Arzt, der dringend ins nahegelegene Dogolje reisen muss, um die dortigen Bewohner vor einer Epidemie zu bewahren, genau genommen vor der bolivianischen Pest, die aus jedem Infizierten unweigerlich einen Zombie werden lässt, der den Gesunden höchst gefährlich werden könnte. Doktor Garin mangelt es nun aber bedauerlicherweise an einem Pferd und da auch der hiesige Stationsvorsteher nichts mehr zu verleihen hat, muss er sich an den ortsansässigen Brotkutscher wenden. Der hat Pferde. Fünfzig an der Zahl. Ungefähr so groß wie Rebhühner. Das ist der erste Moment, in dem man kurz stutzt. Sich nochmal schnell ins Gedächtnis ruft, wie groß so ein Rebhuhn ist. Na gut.

Der Brokutscher Kosma, den alle nur den Krächz nennen, weil er in seiner Jugend unter furchtbar krächzenden Husten gelitten habe, erklärt sich bereit, den Doktor mit seinem kleinen Mobil nach Dogolje zu kutschieren und damit beginnt ein absolut wahnwitziger Trip. Ich darf soviel verraten: In Dogolje kommen die beiden niemals an. Denn in nahezu beruhigender Regelmäßigkeit geschieht irgendetwas, das sie in ihrer Reise aufhält. Die Kutsche fährt mit den Kufen auf eine seltsam gläsern anmutende Pyramide, die da einfach so im Wege lag. Dieses Missgeschick spaltet eine der Kufen, die die beiden notdürftig mit einer klebrigen Salbe und Verbandszeug flicken. Aber auch das hält nicht ewig. Immer wieder bleiben sie stecken, verlieren den Weg aus den Augen, frieren sich fast zu Tode.

Man weiß irgendwann gar nicht mehr, ob man die beiden bemitleiden oder belächeln soll, denn soviel Unglück kann doch kaum zwei einzelnen Menschen beschieden sein! Nach einiger Zeit treffen sie auf Dopaminierer – Menschen, die durch besondere Produkte in ihrem Sortiment wenigstens ein bisschen glücklich machen sollen -, die ihr Lager in einem aus lebend gebärendem Filz aufgeschlagen haben. Ja. Ihr lest richtig. Lebend gebärender Filz. Filz, der aus sich selbst heraus wächst und gedeiht. Aus der Tube. Völlig selbstverständlich. Die Dopaminierer eröffnen Garin, dass sein Eintreffen sehr gelegen käme, zufällig bedürften sie nämlich gerade seiner Hilfe.

„Ist jemand krank?“ Garins Blick ging von einem zum anderen. „So ist es“, nickte Suchtaus, ein stämmiger Kerl mit grobem, beinahe bäuerlich zu nennendem Gesicht. „Wer denn?“ „Unser Freund Sandmann da drüben“, sagte Leistritt, mit dem Kopf in eine Richtung deutend. Der Doktor wandte sich dorthin. Zwischen zweien der sitzenden Mädchen lag etwas, das in einen Teppich eingerollt war. Die Mädchen schlugen den Teppich zurück, und der Doktor erblickte den Vierten im Bunde, auch er mit geschorenem Kopf und einem Halsband mit blitzenden Supraleiterinkrustationen. Sandmanns Kopf war stark in Mitleidenschaft gezogen: Schrammen, Blutergüsse, das Gesicht leicht angeschwollen. Der Doktor trat vorsichtig näher, beugte sich nach vorn und schaute. „Was ist mit ihm?“ „Er hat Prügel bezogen“, erwiderte Leistritt. „Von wem?“ „Von uns.“

Das war so ein Augenblick, in dem ich laut lachen musste. Derer gibt es noch einige in Sorokins Buch, es sprüht geradezu vor absurden Einfällen. Nicht zu vergessen die Episode, in der sich der Krächz und Garin mit dem Mobil im Nasenloch eines Riesen verkeilen. Der liegt da, einfach so, mitten auf der Straße. Weil sich die ohnehin gesplitterte und notdürftig geflickte Kufe in der Nase verkeilt hat, beginnt der Krächz, dem erfrorenen Riesen die Nase abzuhacken, um ihr Gefährt zu befreien. Und immer wieder denkt man: Was ist hier nur los? Derlei Absurditäten in Romanen beginnen dann richtig Spaß zu machen, wenn sie auch von den Protagonisten irgendwie für selbstverständlich genommen werden. Zwar lachen die beiden über ihren eigenartigen Unfall, den ihnen voraussichtlich niemals jemand glauben würde, aber die Existenz von Riesen steht vollkommen außer Frage!

Dieses Buch macht einfach Spaß, seine Sprache zergeht einerseits auf der Zunge, büßt andererseits aber nichts an Authentizität ein. Und trotz aller Absurdität vergisst man niemals, dass der Doktor doch eigentlich Menschenleben retten will. Deshalb ist er doch überhaupt auf die Reise gegangen, um Gutes zu tun, um den Menschen zu helfen und nun steckt er alle paar Meter irgendwo fest. Oder muss auf die Zwergpferde des Krächzes aufpassen, die sich derart vor einem Rudel Wölfe erschrocken haben, dass sie erstmal eine Stunde pausieren müssen. Es ist Tragikomik vom Feinsten, ein wirklich tolles Buch!

Nur eine Frage brennt mir auf der Seele: Was um Himmels willen ist eine Kaube?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Romane veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Gedanken zu “Vladimir Sorokin – Der Schneesturm

  1. Das klingt wirklich wundervoll – lässt aber den Bücherstapel der potentiell in den Weihnachtsferien zu lesenden Werke leider weiter wachsen …
    Danke für den Tipp und herzlichen Gruss von
    Jarg, der jetzt auch wissen will, was eine Kaube ist, verflixt noch eins!

  2. Klingt nach einem herrlichen Buch! 🙂 Die Wortbedeutung von Kaube würde mich auch sehr interessieren – ich habe mal meinem Vater eine E-Mail geschickt, als Germanistikprofessor müsste man doch auf diese Frage eine Antwort haben.

  3. Hui wie schön. Ein toller Buchtipp wie passend zur Jahreszeit und diese absurd-witzige tragi-komische Handlung macht mich sehr neugierig … Darf ich fragen, ob du dich gut in russischer Literatur auskennst und wie du auf diesen Autor gestoßen bist? Ich lese gerade Dostojewskis „Idiot“, versinke in der Welt des russischen Adels im 19. Jhd. und versuche einen Überblick über dieses enorme Figurenensemble zu behalten. Wie lesen sich demgegenüber denn die modernenrussischen Romane? –
    P.S. Danke für die Aufnahme unseres Blogs in deine Blogroll

    • Ich weiß gar nicht mehr, wie genau ich auf ihn gestoßen bin. Ich glaube, ich hatte auf ZEIT-Online was dazu gelesen. Es wäre gelogen, zu behaupten, ich würde mich gut in russischer Literatur auskennen, aber ich lese sie doch ganz gern. Den Idiot von Dostojewski habe ich noch nicht gelesen, dafür aber u.a. „Schuld und Sühne“ und das war großartig. Ich mag diese Schwere, die in vielen russischen Romane mitschwingt. Demgegenüber ist Sorokin vermutlich etwas beschwingter und absurder, aber ähnlich Absurdes findet sich eben zum Beispiel auch bei Bulgakow. Vermutlich kann man klassischere und modernere russische Romane insofern schwer voneinander abgrenzen, als das eine das andere natürlich beeinflusst hat. Auch Gontscharows „Oblomow“ fand ich sehr beeindruckend.

      Antwort-PS: Bitte sehr, gern geschehen. (;

      • „Oblomow“ möchte ich auch noch lesen. Und dies von dir vorgestelltes Buch gern auch … Ach hätte der Tag 48 Stunden =) Essen, schlafen und arbeiten sind doch nicht so wichtig …=)

    • Ja, wie soll sich wohl eine Novelle aus dem 21. Jahrhundert im Vergleich mit einem Roman des 19. ausnehmen? Anders halt. Besonders, wenn die Novelle überdeutlich auf Novellen des 19. Jahrhunderts Bezug nimmt: „Stationsvorsteher“ von Puschkin, Gespenstergeschichten von Gogol, „Herr und Knecht“ und „Schneesturm“ von Tolstoj.

  4. Dieser Roman scheint mir herrlich skurril, den werde ich mir auf jeden Fall merken.
    Russische Schriftsteller neigen ja oft zu Schwermut, wie Du schon erwähnst, und daher bin ich eher zurück haltend, was ihre Bücher angeht. Aber der Humor der im zweiten Auszug deutlich wird, zerstreut mir jegliche Zweifel.

    LG, Katarina 🙂

  5. Scheint doch nicht so, absurd zu sein… Hatte es irgendwann mal in der Hand. Als das Wort „Zombies“ vorkam, war es aus und vorbei. Wird auf die Agenda gepackt, danke für den Tipp.

  6. Reichlich spät, um mich hier zu Wort zu melden, aber gut. Eine kleine Klarstellung: der Ort, zu dem Garin reisen möchte, heißt nicht Dogolje, sondern Dolgoje – das bedeutet auf Russisch „weit (weg)“. Und zur Kaube: möglicherweise handelt es sich hier um eine verkürzte „K(ühlerh)aube“? Ich weiß noch nicht, was im russischen Original für diesen Begriff steht. Ich versuche gerade das Buch auf Russisch zu kriegen. Aber das könnte Aufschluss bringen, schließlich haben wir es auf Deutsch ja nur mit einer Übersetzung zu tun.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s