Hagen Rether und Liebe 4


Am Freitag hatte ich also das Glück, bereits zum zweiten Mal mit Hagen Rether einen wunderbaren Abend zu erleben. Manche kennen diesen hochintelligenten und talentierten Mann wahrscheinlich gar nicht, andere nur als den Langhaarigen, der mit Arbeitsamtarmbinde am Klavier klimpert und dabei schmerzhaft wahre Dinge sagt, die nicht selten in der gefälligen Klaviermusik untergehen. Hagen Rether benennt die Dinge und er dekonstruiert auch an diesem Abend unsere Wohlfühlwirklichkeit, in der wir uns alle paar Monate mal ein bisschen Gesellschaftskritik leisten und den Rest der Zeit wechselnde Säue durch wechselnde Dörfer jagen, nenne man sie Jörg Kachelmann, Karl-Theodor zu Guttenberg oder Joseph Ackermann.

Wer zu einem Abend mit Hagen Rether geht, muss zuhören können. Auch am Freitag saß er nur an seinem Flügel – ohne ihn tatsächlich zu benutzen, soviel sei gesagt – und redete. Hin und wieder tat er sich an einer Banane gütlich, die immer als Dekoration auf seinem Flügel liegt. Aber rein äußerlich war das bereits der Auftritt. Rethers Qualitäten sind inhaltlich. Ihm gelingt es, seinem Publikum in diesen drei Stunden die bittersten Wahrheiten zu servieren, über die wir zwar manchmal lachen, von denen wir aber insgeheim doch wissen, dass sie uns eher schmerzen sollten. Der politische Kabarettist ist Vollzeitquerulant. Aber wenn er seine Arbeit gut macht, so wie Rether, denkt man darüber nach, wieviel womöglich dran ist, an dem, was dieser Mann uns in oft gleichmütiger Stimme um die Ohren knallt.

Wir sind vollends unfähig, uns zu entspannen, uns zu langweilen, zu uns selbst zu kommen. Wir sind voller Hektik, Angst und Getriebenheit. Von Termin zu Termin, von Verpflichtung zu Verpflichtung und kaum kommen wir zur Ruhe, müssen wir flüchten vor diesem Zustand, der uns möglicherweise uns selbst näher bringt. Wir leben in einer Gesellschaft psychisch Kranker. Opipramol ist die neue Volksdroge, mit vollen Händen ausgeteilt von Psychiatern, deren Ansinnen es ist, den Patienten schnellstmöglich in genau die Gesellschaft „zurückzuintegrieren“, die ihn erst krank gemacht hat. Wir müssen endlich einsehen, dass Wachstum endlich ist und wir nicht etwa Arbeitsplätze und Wohlstand durch Wachstum schaffen, sondern völlig ausgebrannte Menschen, die den Anforderungen dieser jener Leistungsgesellschaft nicht mehr gewachsen sind.

Durchschnittlich warten wir etwa 6 Monate auf den Platz bei einem Psychotherapeuten. Und das nicht, weil der Psychotherapeut ein fauler Sack ist, sondern weil er den Patientenansturm nicht mehr bewältigen kann. Hagen Rether stellt uns immer wieder die Systemfrage, die nicht lauten kann: Wie konnte der Guttenberg bloß abschreiben und der Christian Wulff im Wirtschaftswunderland nach Schnäppchen jagen?, sondern Wie lange können wir noch so leben? Rether spricht auch vom Krieg, von uns als Exportmacht in Rüstungsdingen. Von uns als Doppelmoralisten, die wir den Krieg scheußlich finden, aber die Waffen liefern, um ihn möglich zu machen. Schließlich verdienen wir Geld mit Waffenexporten. Wir brauchen Wachstum. Noch mehr Geld. Expansion. Diversifikation. Content.

Das Video ist etwas länger, also nur für die, die einen Moment Zeit haben, aber es widerstrebt mir, Herrn Rether so patchworkartig aus seinem Kontext zu reißen. Hagen Rether tappt nicht in die Falle, von „denen da oben“ zu reden, die ohne unser Wissen und Zutun die Gesellschaft in den Abgrund reißen, er erinnert uns immer wieder daran, dass wir bei uns selbst anfangen müssen. Jeden Tag. Und soweit ich das beurteilen kann, ist Rether da sehr authentisch. Er hat seine CD, Liebe 4, für 10 Euro angeboten, die bei anderen Händlern 16 Euro kostet. Er hätte richtig Kohle machen können. Kein Bedarf. Die CD, mit der er auf der Bühne Werbung machte, verschenkte er ins Publikum. Ebenso wie seine letzte Banane. Am Ende seines Programms benutzte er dann doch nochmal den Flügel. Er spielte den Earth Song von Michael Jackson & Blackbird von den Beatles. Gerade für letzteren war ich ihm, als großer Beatles-Fan, sehr dankbar. Beim Signieren war dieser Mann einfach nur freundlich und zuvorkommend, natürlich. So, wie er es sich auch auf der Bühne von anderen wünscht.

Wer kann, sollte sich diesen Mann live ansehen. Und die Dinge besser machen. Sich engagieren.

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