Lawrence Norfolk – Das Festmahl des John Saturnall


Lawrence Norfolk ist ein englischer Autor. Er studierte Englisch und arbeitete als Lehrer und freier Autor. In Norfolks Romanen verbinden sich meistens historische Elemente gekonnt mit fiktiven, so auch in Das Festmahl des John Saturnall, das in England zu Zeiten Oliver Cromwells spielt.

Jeder Rezensent kennt vermutlich das Gefühl, das einen befällt, wenn man über ein Buch schreiben will, das man weder beeindruckend gut noch bedrückend schlecht fand. Ein Buch, das sich so im gesunden Mittelfeld bewegt, ein Buch, das mitnichten inhaltlich oder handwerklich schlecht, aber doch irgendwie mittelprächtig geraten ist. So geht es mir mit Lawrence Norfolks neuem Roman Das Festmahl des John Saturnall. Nun muss ich vielleicht dazu erwähnen, dass ich gewöhnlich kein Leser historischer Romane bin. Zwar habe ich ein großes Interesse an Geschichte, allerdings weniger in Gestalt von Romanen. Eher lese ich dann Sachbücher als fiktive Geschichten über Geschichtliches. Und so mag mein Urteil vielleicht davon getrübt sein, dass ich um den historischen Roman gewöhnlich einen Bogen mache.

John Sandall, wie er uns zunächst vorgestellt wird, wächst gemeinsam mit seiner Mutter in einem kleinen Dorf auf. Seine Mutter wird von vielen religiösen Fanatikern des Dorfes aufgrund ihrer Fertigkeiten im Umgang mit Kräutern und Naturmedizin für eine Hexe gehalten. Nachdem eine Seuche im Dorf ausbricht, macht man Johns Mutter dafür verantwortlich und eine wütende Meute aufgestachelter Dorfbewohner treibt die beiden in den Wald und die Berge und brennen ihr Haus nieder. Schon früh hat John ein Buch entdeckt, das Rezepte aller nur erdenklichen Köstlichkeiten mit sämtlichen auf Erden verfügbaren Zutaten beinhaltet. Er lässt sich von seiner Mutter in Kräuterkunde unterrichten und lernt die alten Rezepte wie manch ein Kind heute seine Englischvokabeln. Doch das Leben in der Wildnis macht Johns kranker Mutter sehr zu schaffen und so kommt es, dass sie kurz nach der Vertreibung durch die Dorfbewohner stirbt.

John gelingt es, auch auf ihren Wunsch hin, eine Anstellung als Küchenjunge im Gutshaus von Buckland zu bekommen. Schon bald bemerkt der Meisterkoch Richard Scovell die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen. Er kann innerhalb kürzester Zeit nur durch seinen Geruchssinn sämtliche Zutaten aus einem Gericht herausfiltern und aufzählen. Ein bisschen erschien er mir in diesem Augenblick wie eine literarisch interessante Mischung aus Jean-Baptiste Grenouille und Oliver Twist. Als er zum ersten Mal die Küche betritt, tut sich eine andere Welt vor ihm auf.

Getöse brach über John herein, Stimmengewirr, Topfklappern, Pfannenklirren, Messer und Hackbeile, , die dumpf auf Holzklötze trafen. Doch all das hörte er nur wie von fern. Eine Flutwelle von Aromen drang ihm in die Nase, dick wie Suppe, reich an Duftnoten: feingestoßener Zucker und kandierte Früchte, dumpfische Rindfleischstücke und kochender Kohl, angeschwitzte Zwiebeln und gedämpfte Rote Bete. Dampfschwaden von frischgebackenem Brot drängten sich vor, gefolgt vom Duft süßer Kuchen. Die Gerüche bratender Kapaunen und schmorenden Specks wurden von der strengen Note der rauchgeschwärzten Schinken abgelöst, die im Kamin des Herdes hingen.

Wenn der Roman an einem ganz besonders reich ist, dann an Schilderungen von Essenszubereitung und verschiedensten Aromen. Für Menschen, die wahre Genussesser sind, mag auch das Lesen bereits ein Genuss sein, mich ließ es eher kalt. Selbstverständlich verliebt sich John Saturnall im Gutshaus von Buckland ausgerechnet in die Tochter des Gutsherrn, als er ihr vollkommen ungeplant an seinem ersten Tage vor die Füße stolpert. Die Schlacht von Naseby 1645 spielt eine Rolle, wie auch die Familienehre derer von Fremantle und ein alter Eid. Unmöglich, das in angemessener Form widerzugeben, ohne zuviel zu verraten. Aber es gibt dramatische Wendungen und dramatische Entscheidungen und viel Essen. Nicht nur, weil unser Protagonist Koch ist, sondern auch, weil es ja um ein – titelgebendes – Festmahl gehen soll. Das Festmahl des Saturnus.

In den Küchen, in denen ich heranwuchs, wurden wunderliche Geschichten erzählt. Geschichten von einem überwältigenden Festmahl. Den einen zufolge war es das Festmahl aus dem Garten Eden. Den anderen zufolge war es das Fest, das unser im Paradies harrt. Seine Gerichte enthielten alles, was es in der Schöpfung gab, und sie füllten einen Tisch, der so lang war, dass ein Mensch ihn an einem Tage nicht abgehen konnte.

Am wichtigsten aber war die Aufhebung aller Standesunterschiede bei diesem Festmahl. Herren und Diener, Sklaven und Könige, alle sollten gemeinsam an einem Tisch sitzen und speisen.  Auch hier kurz nachzulesen. Dieses Festmahl spukt immer wieder in Johns Gedanken, es ist dieses Mahl, das im Buch seiner Mutter beschrieben wird, es ist dieses Mahl, dessen Bestandteile ihn von Kindheit an begleiteten. Wir lernen bei Norfolk eine Menge über englische Küche zur damaligen Zeit, so hat er auch eine Menge zur Entwicklung von Speis und Trank gelesen, um es in seine Geschichte einfließen zu lassen.

Und das ist es auch – im Groben. Mir ist nicht ganz bewusst geworden, wo dieses Buch nun ein Festmahl für den Intellekt sein soll. Es ist solide geschrieben und erzählt, es verwebt geschickt Fiktion und Realität, letztlich erzählt es aber auch nur eine Geschichte über Liebe, Verrat und Leidenschaft, wie tausend andere historische Romane auch. Bloß, dass in denen vermutlich nicht soviel gegessen wird. Zwar freilich in anspruchsvollerem Gewand, das will ich nicht leugnen, aber rückblickend betrachtet konnte mich die Geschichte einfach nicht fesseln. Und ich vermag, zu meiner Schande, nicht ganz auszumachen, woran das liegt. Das Ganze hat wenig, was mir im Gedächtnis bleiben wird. Höchstens vielleicht die doch ganz anspruchsvollen Illustrationen am Anfang eines neuen Kapitels.

Hier muss ich meine Meinungsbildung tatsächlich als nicht abgeschlossen betrachten. Es war okay. Mehr nicht.

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4 Gedanken zu “Lawrence Norfolk – Das Festmahl des John Saturnall

  1. Dann bin ich ja beruhigt. Mir ging es ähnlich. Habe das Buch aber auch sehr schnell auf die Seite gelegt und werde es nun an Essensliebhaber und Möchtegernhobbyköche verkaufen.

    • Dass du das ähnlich empfunden hast, beruhigt irgendwie auch mich. Ich habe die ganze Zeit gedacht, ich verstehe möglicherweise etwas ganz Elementares nicht und habe verzweifelt versucht zwischen der doch eher durchschnittlichen Handlung irgendwas zu entdecken, was ‚das Fest für den Intellekt‘ wäre .. aber ich scheine ja nicht die einzige zu sein, die da nichts gefunden hat. Danke für deinen Kommentar. (:

  2. Ich bin gespannt auf Deine jetzige Lektüre.
    ich habe das Buch letzte Woche nach London geschickt. In der Hoffnung, dass es dem Beschenkten dort Spaß macht, wo es auch spielt.

  3. Pingback: Ein Lesejahr 2012 geht zu Ende « Literaturen

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