Das Rainald Grebe Konzert


„Neue Kategorien macht der Herbst!“

Ja, ich muss mittlerweile sagen – das Betätigungsfeld dieses Blogs wird schleichend ausgeweitet, was aber nicht zu seinem Nachteil gereichen, sondern eigentlich nur liebevoll mein Interessenkabinett erweitern soll. Hin und wieder verlasse ich ja auch mal Haus und Hof, um die ein oder andere kulturelle Veranstaltung zu besuchen. Von diesen Erfahrungen, außerhalb von Buchdeckeln und den Gedanken darüber, soll diese Kategorie berichten. Dabei wird es sich nicht vornehmlich um Lesungen handeln – es sei denn, mir läuft eine über den Weg, die mich sehr interessiert, das ist in der letzten Zeit zugegebenermaßen weniger der Fall gewesen -, sondern um Musik – und Kabarettveranstaltungen. Ein bisschen Kulturschau und gleichzeitig Empfehlungen für Künstler, die man möglicherweise noch nicht kennt. Beginnen will ich mit jemandem, der mittlerweile wahrscheinlich einen relativ großen Bekanntheitsgrad erreicht hat …

Diese herrlich anachronistische Veranstaltungsankündigung wurde am Samstag in Hamburg aufgenommen, wo ich mit sehr angenehmer Begleitung das Rainald-Grebe-Konzert besucht habe. Rainald Grebe dürfte den meisten wohl durch ‚Brandenburg‚ bekannt sein, aber wie bei vielen Künstlern tut man ihnen grauenvoll Unrecht, sie auf ein einziges Lied oder eine einzige Tätigkeit zu reduzieren. So ist Rainald Grebe nicht nur Brandenburg und auch nicht nur ein Mann, dem auf der Bühne scheinbar nichts peinlich ist, sondern ein sehr talentierter und präziser Beobachter unserer Zeit.

In seinem Soloprogramm veranstaltet er nun etwas, was man vielleicht als absurdes Theater seines Lebens bezeichnen könnte. Wie auch das Konzertplakat, das Grebe nackt und persönlich zeigt, geht es hier um intime Dinge, um Erinnerungen, um Vergangenheit und ein bisschen Klamauk. Alles vermischt sich miteinander und so liegen, wie immer bei Grebe, das Lachen und die Rührung nah beieinander. Uns werden Bilder aus seiner Kindheit und Jugend gezeigt, vom ihm, seinen Eltern, beim Flötenunterricht und vor leeren Tellern, die damals dekorativ an der Wand hingen.

Der eine oder andere kennt vielleicht das Polittbüro – es ist ziemlich klein und kuschelig, sodass man, wenn man diese Kindheitsfotos sieht, unweigerlich an diese Abende bei Oma und Opa denken musste, an denen man Fotoalbum um Fotoalbum wälzte. Dennoch wird diese persönliche Atmosphäre von Grebe ganz bewusst immer wieder aufgebrochen, durch Absurdität und Verwirrung, durch Momente, in denen man nicht weiß, wie man reagieren, ob man belustigt oder irritiert sein soll. Während im Stadtpark im Juli sicherlich um die 2000 Leute da waren und Rainald Grebe von seinem Orchester der Versöhnung begleitet wurde, sind im Polittbüro vielleicht etwas mehr als 150 Menschen anwesend.

Rainald Grebe ist ein Kind der 80er-Jahre. In vielen seiner Lieder thematisiert er diese Überflussgesellschaft, in der von all den gesellschaftlichen Gräben, die sich heute auftun, in der breiten Bevölkerung noch nicht viel zu erkennen war. Immer wieder singt er davon, dass er alles hatte, es ihm an nichts mangelte, aber genau diese Wohlfühl – und Weichspülatmosphäre problematisch war. Ich selbst, die erst Ende der 80er geboren wurde, habe dieses Lebensgefühl niemals bewusst erlebt und so kann ich mir auch nur entfernt vorstellen, auf welchem Boden die grebe’sche Kunst gewachsen ist. Aber durch die Musik wird es spürbar(er).

Rainald Grebe studierte Puppenspiel und leistete seinen Zivildienst in einer psychiatrischen Klinik in Bielefeld ab. Eigenen Angaben zufolge beeinflusst ihn das auch noch heute sehr – verdeutlicht durch das oben anklickbare Gilead, aus seinem neuen Programm. Ihn habe es immer sehr bedrückt und beeindruckt, wie diese Menschen, die teilweise vollkommen psychotisch waren, von einem Moment auf den anderen in ihre Traum – und Wahnwelt abdrifteten, von klaren Worten verschwanden in ein gänzlich wirres Universum. Und so liegt diese Klarheit, mit der Grebe manchmal seine und unsere Befindlichkeiten beschreibt, ganz nahe am Irrsinn.

Man kann sehr viel lachen auf einem Rainald Grebe Konzert. Man tut das aber niemals gedankenlos, man tut es immer mit einer gewissen Wehmut, mit einer gewissen Traurigkeit. Einem Rainald Grebe gelingt es sogar, einem Lied über Konservierungsstoffe kurz vor Ablauf des Verfallsdatums eine melancholische Note zu geben. Er schafft es, über seine humorlose Ex-Freundin zu schreiben, über die 68er-Bewegung, Gesundheitsfetischismus, das seltsame Selbstverständnis dreißigjähriger Pärchen, aber auch über ein Gefühl der Überforderung und Überreizung in einer Welt, in der es von allem zuviel, aber nur noch wenig von Bedeutung gibt.

Rainald Grebe ist nicht für jeden etwas und so ist es auch absolut unmöglich für mich, sein Schaffen hier angemessen zu umreißen. Dieses Soloprogramm jedenfalls ist ein absolut berührendes, mit überraschend vielen ruhigen und persönlichen Zwischentönen, die man sonst eher nicht von Grebe kennt. Es lohnt sich, sich einen Abend auf diesen Mann und seine Welt und Wahrnehmung einzulassen. Tragikomik in absurdem Gewand. Murmel, murmel!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kultur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s