Joanne K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall


J.K. Rowling ist eine britische Schriftstellerin. Sie wurde mit ihren Romanen rund um Harry Potter bekannt. 1995 vollendete sie den ersten Harry-Potter-Band, den sie erfolglos mehreren Verlagen anbot. Im Juni 1997 wurde der erste Band veröffentlicht. Seitdem gehört Joanne K. Rowling vermutlich zu den bekanntesten und bestbezahltesten Autoren der Welt. Nachdem 2007 der letzte Potterband erschien, begann Rowling, an etwas ganz anderem zu schreiben. An einem „politischen Märchen„, wie sie damals sagte.

Diesen Roman zu rezensieren, ist mit Sicherheit nicht einfach. Nicht nur deshalb, weil er knapp sechshundert Seiten umfasst und schätzungsweise zwölf ständig handelnde Akteure beinhaltet, sondern auch, weil er von Vornherein überkritisch beäugt wurde. Die Geheimniskrämerei rund um diesen Roman nahm nahezu krankhafte Ausmaße an, andere Buchhändler werden das unter Umständen bestätigen können. So blähte sich eine riesige Erwartungsblase auf, von der fast sicher war, dass der Roman sie gnadenlos zum Platzen bringen würde. Was sollte auch nach Harry Potter schon kommen?

Unsere Geschichte spielt in der kleinen Gemeinde Pagford. Ein niedliches, konservatives Dörfchen, in dem wenig Aufsehenerregendes passiert, bis Barry Fairbrother, Mitglied des Gemeinderats, plötzlich vor dem örtlichen Golfclub zusammenbricht und stirbt. Ein Aneurysma im Gehirn, man konnte nichts mehr für ihn tun. Sein Tod kam plötzlich, außer den bohrenden Kopfschmerzen, unter denen er seit Tagen litt, hatte nichts auf seine zerebrale Fehlfunktion hingewiesen. Barrys Tod reißt nicht nur eine Lücke in den Kreis seiner nächsten Angehörigen, sondern auch in den Gemeinderat. Es entsteht das, was dem Roman im Englischen seinen Titel gibt – eine plötzliche Vakanz. A Casual Vacancy.

Schon seit einigen Jahren liegt die Gemeinde Pagford mit der nahgelegenen Kleinstadt Yarvil im Clinch. Yarvil hatte durch den Kauf von Land aus privater Hand die Gemeindegrenzen verschoben und die Sozialsiedlung Fields gebaut, in gefährlicher Nähe zum beschaulichen Örtchen. Zwar kümmerte sich Yarvil um den Betrieb, Pagford jedoch gehörten die Gebäude. Und Pagford war es auch, das nun mit dem zunehmenden Strom sozial Schwacher umgehen musste, der sich in gefährlicher Nähe zu ihrem dörflichen Idyll niederließ. Nicht nur das, auch die Entzugsklinik Bellchapel, die mit ihrem Methadonprogramm viele Abhängige aus Fields betreute, ist vielen Bewohnern ein Dorn im Auge. Die Frage, was sowohl mit der Siedlung als auch mit der Entzugsklinik geschehen soll, spaltet den Gemeinderat. Barrys Tod eröffnet einen kleinstädtischen Krieg um Interessen.

Regen prasselte auf Barry Fairbrothers Grab. Auf den Trauerkarten verlief die Tinte. Siobhans robuste Sonnenblume hatte den schweren Tropfen getrotzt, aber Marys Lilien und Freesien wurden zerdrückt und waren schließlich zerfallen. Das Chrysanthemenruder wurde dunkel und vermoderte. Der Regen ließ den Fluss anschwellen, sorgte für reißende Bäche in den Rinnsteinen und ließ die steilen Straßen von Pagford rutschig und gefährlich werden. Die Fenster des Schulbusses beschlugen, die Blumenampeln am Marktplatz waren völlig durchweicht, und Samantha Mollison hatte, obwohl sie die Scheibenwischer auf höchste Stufe gestellt hatte, auf dem Heimweg von der Arbeit in der Stadt einen kleinen Verkehrsunfall.

Dieses Handlungsgerüst klingt vermutlich so kurz zusammengefasst wenig spannend. Und doch gelingt Rowling hier, meines Erachtens, etwas ganz Besonderes. Ist es am Anfang noch schwierig, alle auftretenden Protagonisten zu unterscheiden, wächst man mit jeder Seite immer weiter in diese Pagforder Gemeinde hinein. Es wäre schwer, hier jeden von diesen Akteuren auftauchen zu lassen, denn jeder von ihnen hat eine ganz eigene Geschichte, die in der großen Geschichte rund um Pagford und Yarvil Erwähnung findet. Es gibt nicht den einen Protagonisten, um den sich alles dreht, es ist die ganze Gemeinde, es sind ihre Sehnsüchte, ihre Geheimnisse, ihre Hinterlistigkeiten und ihre Abgründe.

Die Abgründe werden besonders bei Familie Weedon deutlich, die in der Sozialsiedlung Fields wohnt. Krystal ist anfänglich eine unausstehlich freche und vorlaute Göre, provokant und anstrengend, doch je mehr wir von ihren Familienverhältnissen erfahren, umso mehr sind wir geneigt, sie mit anderen Augen zu sehen. Ihre Mutter ist heroinabhängig, versucht aber immer wieder einen Entzug zu machen. Um ihren kleinen Bruder Robbie muss sich Krystal überwiegend selbst kümmern, weil ihre Mutter dazu nicht imstande ist. Von kleinauf hat sie Gewalt und Beschimpfungen erlebt. Rowling beschreibt das sehr plastisch, ohne aber dabei in eine bloße Sozialromantik abzudriften, die nicht mehr viel mit der Realität zu tun hat. Ich habe die Worte gelesen und empfand es als realistisch.

Es gelingt diesem Roman, die verschiedenen Geschichten immer wieder zusammenzuführen, sich kreuzen zu lassen. Nahezu alle Bewohner kennen sich untereinander und so passiert es immer wieder, dass Dinge passieren, die man als Leser zuvor schon aus anderer Perspektive miterlebt hat. Es gibt kaum ein Thema, das der Roman nicht in irgendeiner Weise aufgreift. Selbstverletzung, Suizid, häusliche Gewalt, Paranoia, Kriminalität – dieser Roman ist ein Mikrokosmos. Und wenn man sich erst einmal eingelesen hat, verbringt man seine Zeit auch in Pagford. Man fiebert mit den Bewohnern – undzwar weniger um die vakante Stelle als um ihre Sorgen und Nöte, man spürt nahezu, wie dieses kommunale Eden mit Volldampf auf den Abgrund zurast.

Genau das geschieht auch. Es gibt ein nahezu fulminantes Finale, in dem die ganze Fassade in sich zusammenbricht. Sicherlich ist Rowling keine hochrangige Literatin. Aber wenn sie für eines ein Talent besitzt, dann für das Erzählen von Geschichten, für das Durchschauen von Menschen und für das authentische Abbild dessen, was überall auch außerhalb von Buchdeckeln jeden Tag stattfindet. Ich darf mit Überzeugung sagen, dass ich ihr neues Buch – das übrigens völlig ohne irgendwelche Potterparallelen auskommt, mit Müh und Not könnte man Howard Mollison als verschollenen Bruder Vernon Dursleys bezeichnen – sehr gern gelesen, ja fast genossen habe, nachdem ich erstmal hineingefunden hatte. Das bedarf zugegebenermaßen eines gewissen Durchhaltevermögens. Aber dann kann man sich wirklich darin verlieren.

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6 Gedanken zu “Joanne K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall

    • Danke _Dir_ für das Kompliment! Ich habe mich nämlich wirklich ein bisschen schwer getan mit der Rezension. Es hätte soviele Dinge gegeben, die ich hätte erwähnen können, soviele großartige Szenen, trotz gewisser Längen, die der Roman hat, dass ich mich unweigerlich verzettelt hätte. So habe ich das Gefühl, dem, was ich gelesen habe, nicht ganz gerecht geworden zu sein. Aber wie dem auch sei – ich habe es wenigstens versucht.

  1. Erst einmal: eine wirklich ganz tolle, sehr gelungene Rezension! Eine der ersten über das Buch, die ich gerne gelesen habe und die mir sogar Lust auf das Buch gemacht hat. Ehrlich gesagt fand ich es schon sehr schlimm, wie die Feuilletons zum Teil über das Buch und die Autorin hergefallen sind und wie eigentlich jeder nach ein oder zwei Tagen schreiben musste, dass das ein Buch ist, was man nicht gelesen haben muss. Wie will man so etwas überhaupt ernsthaft nach so kurzer Zeit beurteilen?
    Danke für deine differenzierten Eindrücke! 🙂

    • Vielen Dank. (:

      Ich muss ja sagen, ich bin in den letzten Wochen tatsächlich genervt von diesem ganzen Rowling-Bashing, was das ja für ein mieses Buch wäre, voller Klisches und zielloser Sozialromantik, fast propagandistisch wolle sie ihre Meinung aufdrücken, ihren Hass über die Verhältnisse. All diese Artikel sind mindestens so aufgebläht wie sie es dem Roman vorwerfen. Selbstverständlich ist Rowling nicht Shakespeare und sie ist auch nicht Dickens oder Joyce, aber wer sagt, dass sie das sein muss, um einen soliden und unterhaltsamen Roman zu schreiben? Und weshalb sollte man nicht auch mal deutliche Worte benutzen, statt alles intellektuell zu verschleiern? Was bei allzu bemühter intellektueller Verschleierung herauskommt, habe ich ja bei Martin Walser gesehen. Und der hatte nicht einmal viel politische oder sozialkritische Aussage, die er transportieren wollte. Mir fallen auf Anhieb so einige andere Bücher ein, mit denen man so kritisch ins Gericht gehen könnte und müsste wie jetzt mit Frau Rowling.

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