John Green – Das Schicksal ist ein mieser Verräter


John Green ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte zunächst Englisch und Vergleichende Religionswissenschaften, ursprünglich strebte er das Pastorenamt an.  Sein erster Roman Eine wie Alaska wurde vielfach ausgezeichnet. Gemeinsam mit seinem Bruder betreibt Green seit 2007 einen Videoblog.

„Man kann sich nicht aussuchen, ob man verletzt wird auf dieser Welt, alter Mann, aber man kann ein bisschen mitbestimmen von wem.“

Ein guter und selbstreferentieller Rezensent gibt zu, wenn er sich geirrt hat. Ich habe mich geirrt, als ich Rita Falks Hannes für eine berührende Auseinandersetzung mit dem Tod gehalten habe. Wobei ich dem natürlich nicht grundsätzlich absprechen will, sich in angemessener Weise dem Thema zu widmen, doch gegen das, was John Green hier geschaffen hat, ist Falk ein ziemlich kleiner Stern am Himmel.

Vermutlich gibt es im Augenblick nicht viele, die Greens Buch nicht gelesen haben. Die sechzehnjährige Hazel leidet an Lungenkrebs. Schon seit längerer Zeit ist sie außerstande, die Schule zu besuchen und da sich Hazels Mutter auch um ihre psychische Gesundheit sorgt, bittet sie ihre Tochter, an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen.

In jeder Krebs-Broschüre oder Website oder Infoseite zu dem Thema werden Depressionen als Nebenwirkung von Krebs genannt. Doch in Wirklichkeit sind Depressionen keine Nebenwirkung von Krebs. Depressionen sind eine Nebenwirkung des Sterbens.

Hazel nimmt kein Blatt vor den Mund und scheut sich nicht, uns eine Selbsthilfegruppe zu zeigen, die vielleicht höchstens dem Trost und Hilfe spendet, der sie initiiert. In ewig gleicher Weise werden Mutmachsprüche im Chor heruntergeleiert, am Ende werden die Namen derer verlesen, die gegen die Krankheit verloren haben. Überhaupt ist sehr viel von Kämpfen und Schlachten die Rede. Könnte Hazel sich nicht immer nonverbal mit Isaac verständigen – der unter einer sehr seltenen Form des Augenkrebses leidet – würde sie wahrscheinlich in dieser Atmosphäre, im Herz Jesu, noch depressiver als sie ohnehin schon ist.

Bis zu dem Tag als plötzlich der siebzehnjährige Augustus Waters im Kreise der Erkrankten sitzt und Hazel unverwandt anstarrt. Augustus hatte ein Osteosarkom, einen leichten Anflug davon, infolgedessen eines seiner Beine amputiert wurde. Das ist aber nun schon eineinhalb Jahre her und in dieser Gruppe sitzt er nur, weil sein Freund Isaac ihn darum gebeten hat.  Er hat Angst vor dem Vergessen. Vielleicht auch vor dem Vergessenwerden. Und Hazel konfrontiert ihn schonungslos, dass alles und jeder irgendwann einmal vergessen sein wird. Er solle sich besser damit arrangieren, denn das täte doch jeder. Sich irgendwie damit arrangieren, dass sein individuelles Leben und Leiden nichts bedeutet.

Hazel und Augustus freunden sich an. Verlieben sich. Und so erzählt Hazel ihm von ihrem Lieblingsbuch. Ein herrschaftliches Leiden von Peter Van Houten. Auch hier geht es um eine Krebsgeschichte, in der Hazel sich wiederfindet. Der Autor hat jedoch das Buch so abrupt enden lassen, wie ein Tod  tatsächlich eintritt, als gnadenlosen Einschnitt, der dennoch immer den Lauf der Zeit ganz plötzlich unterbricht. Mehrere Versuche Van Houten zu kontaktieren, scheitern kläglich. Doch  nachdem sie Augustus kennengelernt hat und der erfolgreich Kontakt zu dem nach Holland emigrierten Schriftsteller aufnehmen konnte, bekommt sie die Möglichkeit, nach Amsterdam zu reisen, um Peter Van Houten zu all den im Stich gelassenen Figuren und deren Leben zu befragen.

Doch diese Reise wird in jeder Hinsicht alles verändern. Peter Van Houten ist beileibe nicht der anbetungswürdige Schriftsteller in seinem holländischen Exil, sondern vielmehr ein vollkommen vereinsamter und trunksüchtiger Mann, der die einzige Gesellschaft, die er hat, auch noch dafür bezahlen muss, dass sie ihm erhalten bleibt. Und auch Augustus muss Hazel reinen (sprichwörtlichen) Wein einschenken. Es gibt Dinge, über die er nicht ganz aufrichtig war.

Mehr ist zum Inhalt erstmal nicht zu sagen, denn er ist vielfach beschrieben worden. Ich selbst schreibe auch noch immer unter dem emotionalen Eindruck dieses Buches, der – es wäre nicht überzogen, das zu sagen – überwältigend ist. Ich neige nicht zu übertriebenen Gefühlsäußerungen während des Lesens, aber dieses Buch hat es geschafft, mich nahezu zeitgleich zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Es ist so unfassbar traurig und ungerecht, so völlig unangestrengt gefühlvoll und absolut unsentimental. Nicht die üblichen Klischees von Tod und Sterben werden bemüht. Man sitzt eigentlich bloß davor und will sowohl Rotz und Wasser heulen als auch gänzlich aufrichtig lachen. Weil auch Hazel und Augustus es noch können.

Ich kann eigentlich nur inständig bitten: Kaufen und lesen. Egal, welchen Alters ihr seid. Jede Seite lohnt sich. Jeder Euro.

„Wir müssen was machen wegen dieser blöden Schaukel“, sagte er. „Ich sag dir, das Ding ist neunzig Prozent deines Problems.“

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5 Gedanken zu “John Green – Das Schicksal ist ein mieser Verräter

  1. Eine schöne, dem wundervollen Buch sehr angemessene Besprechung. 🙂 Ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Kritisiert wurde ja manchmal die für Jugendliche unpassende Sprache, ich glaube aber, dass Gus und Hazel ganz besondere Menschen sind, ganz „ungewöhnliche“ Jugendliche und deshalb sicherlich auch eine andere Sprache haben.
    Das Buch ist einfach rundum perfekt: ich habe geweint, gelacht, mich wohl gefühlt. Ein schönes Buch, das wirklich jeder gelesen haben sollte! 🙂
    Liebe Grüße
    Mara

    • Die Kritik ist zwar keine, die völlig aus der Luft gegriffen wäre, aber eine, die vernachlässigenswert ist. Mir hat man mit sechzehn auch dauernd gesagt, wie völlig unpassend ich mich in Relation zu meinem Alter benähme und ausdrückte. Ich glaube einfach, es gibt Dinge, die lassen einen Menschen in seinem Auftreten sehr schnell altern und reifen. Solche Erfahrungen, wie Hazel und Gus sie machen, sind prädestiniert dafür, einen anderen Menschen aus dir zu machen. Ich würde das nicht als Manko des Buches begreifen, keinesfalls. Und ein bisschen Kunstprodukt steckt nunmal in jedem Buch, genauso wie in jedem Film. Das (alltägliche) Leben so pur abgeschrieben und abgefilmt ist meistens furchtbar öde.

      Danke, liebe Mara, für deinen Kommentar. (:

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