Rafik Schami – Das Herz der Puppe


Rafik Schami (eigentlich Suheil Fāḍel) ist ein syrisch-deutscher Schriftsteller. Sein Pseudonym Rafik Schami bedeutet soviel wie „der, der aus Damaskus kommt“. Dort studierte er Chemie, Mathematik und Physik. Bereits mit neunzehn gründete er in Damaskus eine Zeitung, die allerdings 1969 verboten wurde. 1970 floh Schami aus Syrien, zunächst in den Libanon, 1971 imigrierte er nach Deutschland.  Schami gewann schon viele internationale Literaturpreise.

Obwohl mich Kinderbücher sonst ja selten fesseln oder gar zu einer Rezension bewegen, gibt es doch immer wieder Ausnahmen. Das Herz der Puppe ist so eine Ausnahme. Diesem Buch gelingt es, eine intelligente und rührende Geschichte für Kinder zu erzählen, dabei aber dennoch den erwachsenen Leser anzusprechen, der diese Geschichte möglicherweise (s)einem Kind vorliest. Sie funktioniert gewissermaßen altersübergreifend.

Nina langweilt sich. Es regnet draußen und in der Gegend, in die sie kürzlich mit ihren Eltern gezogen ist, wohnen keine anderen Kinder, mit denen sie sich die Zeit vertreiben kann. Ihr Vater schlägt vor, zu einem in der Nähe stattfindenden Flohmarkt zu fahren. Dort lässt auch der Regen nach und während ihre Eltern eine alte Lampe aus Messing für unerhört viel Geld erstehen, erblickt Nina eine Puppe, die in einer Schüssel unter dem Stand des Händlers liegt. Sie hat feuerrote Haare und Nina spürt sofort, dass diese Puppe genau das ist, was sie immer wieder auf dem Flohmarkt gesucht hat.

Schon bald erkennt der Leser, dass diese Puppe, die auf den Namen Widu getauft wird, etwas ganz Besonderes ist. Nicht nur spricht Nina mit ihr und Widu antwortet, nein, Widu hat die besondere Fähigkeit, Nina ihre Angst zu nehmen. Denn Widu ernährt sich von Angst. Darüber hinaus besitzt diese Puppe eine herausragende Intelligenz, die aber niemals plump oder künstlich wirkt. Sie steht Nina in vielen Belangen mit Rat und Tat zur Seite, hilft ihr, wenn Jungs sie nerven oder die Schule blöd ist. Aber bespricht mit ihr auch ernstere Themen. Themen, wie den Tod, mit dem Nina plötzlich konfrontiert wird, als die gute Freundin ihrer Mutter bei einem Autounfall ums Leben kommt.

Später saßen die Eltern in der Küche , als sie Nina immer wieder sagen hörten: Solange ich da bin, ist er nicht … und wenn er ist, bin ich nicht …“ Sie redete so laut als, wollte sie den Satz auswendig lernen. Die Mutter klopfte und spähte durch den Türspalt. „Wer soll das sein, der nie was isst, wenn du da bist?“, fragte sie neugierig. „Der Tod“, sagte Nina und musste lachen bei dem Gedanken, dass der Tod dann ja hungern müsste, solange sie lebte.

So ganz nebenbei und völlig ohne den Holzhammer gelingt es Schami also sogar, der Puppe einen Satz Epikurs in den Mund zu legen, ohne dabei derart angestrengt philosophisch zu wirken wie Mette Jakobsen in Minous Geschichte. Schamis Buch besteht quasi aus mehreren kleinen Episoden, die Nina mit Widu erlebt. Sie spielen gemeinsam Theater, sie besuchen einen Mitschüler, sie gehen mit Pralinen-Tante Olga zum Friseur. Und sie verlieren sich sogar. In der Weihnachtshektik vergisst Nina Widu in einer U-Bahn, was man als Leser nahezu dramatisch finden muss, wenn man die enge Bindung der beiden bedenkt. Was dann folgt, ist eine schöne Geschichte in der Geschichte. Nämlich die Geschichte des Herrn Moritz. Einem alten Mann, der sein Haus als Fundbüro hergerichtet hat und es dort ohne kommunale Gelder betreibt. Herr Moritz ist ein herzensguter Mensch.

Eines Nachts klingelte einmal ein alter Mann, der sehr einsam war, bei Herrn Moritz. „Ich brauche meinen Schlaf, aber ich kann ihn nicht mehr finden“, sagte er. „Dann komm herein, wir suchen zusammen“, sagte Herr Moritz. Dann suchten die beiden eine Weile und riefen nach dem Schlaf, als wäre er ein Hund. Schließlich ließ sich der Mann erschöpft aufs Sofa sinken und schlürfte den heißen Kräutertee, den Herr Moritz ihm mit zwei großen Löffeln Honig serviert hatte. Schon kurze Zeit später streckte sich der Gast auf dem Sofa aus, und Herr Moritz erzählte ihm von seinen Fundbüroabenteuern, bis der Mann gähnend flüsterte: „Ich glaube … ich … habe ihn …wiedergefunden.“

Das sind so Passagen, die einen irgendwie zum Lächeln bringen. Der ein oder andere mag es vielleicht schmalzig finden, ich lese sowas gerne – wenngleich ich auch kurz darauf immer feststelle, dass es in Büchern – ebenso wie in Filmen – immer wesentlich romantisierter erscheint als es ist. Oder im Klartext: Sowas würde es außerhalb eines Buches (oder Films) nicht geben und wäre dem anders, fände es vermutlich niemand herzerwärmend, mit einem alten Kauz gemeinsam den verloren geglaubten Schlaf zu suchen. Aber so ist Kunst – manchmal ist sie auf höchst angenehm kitschige Weise realitätsfern. Und Kinderbücher dürfen das ja sowieso.

Das Ende des Buches wird nochmal unerwartet dramatisch. Denn Widu entscheidet sich für etwas, was sie vorher nicht hatte – ein Herz -, um Nina einen großen Dienst zu erweisen. Zuviel will ich gar nicht verraten. Alles in allem lässt sich das Buch uneingeschränkt empfehlen, für jede Altersgruppe. Es ist intelligent, es ist einfach schön, es ist humorvoll, mehr kann man von einem Kinderbuch eigentlich nicht erwarten. Ach … und Illustrationen, wunderschöne (!), gibts auch noch …

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