Italo Calvino – Herr Palomar


Italo Calvino (1923-1985) war einer der bedeutendsten italienischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er wuchs in einer sehr naturwissenschaftlich geprägten Familie auf und studierte nach dem Krieg Literaturwissenschaft in Turin. Er promovierte mit einer Dissertation über Joseph Conrad. Seine ersten Erzählungen entstanden vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in der Resistenza.

Gewöhnlich meint man, das Ich sei jemand, der aus den eigenen Augen herausschaut wie aus einem Fenster, um die Welt zu betrachten, die sich in ihrer ganzen Weite vor ihm erstreckt. Also gibt es ein Fenster, das sich zur Welt auftut. Draußen ist die Welt. Und drinnen? Auch die Welt, was denn sonst?

Herr Palomar ist Calvinos letztes Werk. Und es zu rezensieren, ist bei weitem keine leichte Aufgabe, obwohl es nur einhunderteinundzwanzig Seiten umfasst. Jedoch ist der Text so dicht, so voll mit unglaublich abstrakten und hochkomplexen Gedanken, dass er einem wesentlich länger und ausufernder erscheint als er tatsächlich ist. In Grundzügen sei zuerst Folgendes vorweggenommen: Unser Protagonist ist Herr Palomar – von dem in der literaturwissenschaftlichen Rezeption gern und häufig behauptet wird, er sei ein Alter Ego Calvinos selbst – , der sich eines Tages entschließt, die Welt um ihn herum genau zu betrachten. Es handelt sich um jeweils sehr kurze Episoden in unterschiedlichen Umgebungen, beginnend mit dem Versuch, eine Welle zu beobachten.

Herr Palomar steht am Ufer und betrachtet eine Welle. Nicht, dass er sinnend in die Betrachtung der Wellen versunken wäre. Er ist nicht versunken, denn er weiß, was er tut: Er will eine Welle betrachten, und er betrachtet sie. Er ist auch nicht sinnend, denn zur Besinnlichkeit braucht man ein passendes Temperament, eine passende Stimmungslage und ein Zusammenwirken passender äußerer Umstände, und obwohl Herr Palomar im Grunde nichts gegen Besinnlichkeit hat, ist im Augenblick keine dieser Bedingungen für ihn gegeben. Schließlich sind es auch nicht „die Wellen“, was er betrachten will, sondern nur eine einzelne Welle und weiter nichts. Im Bestreben, die vagen Gefühle nach Möglichkeit zu vermeiden, nimmt er sich für jede seiner Handlungen einen begrenzten und klar umrissenen Gegenstand vor.

Wir sehen also, – Herr Palomar meint es sehr ernst. Und so folgt eine Reihe von Versuchen, sich auf kleine Dinge zu besinnen, in der Hoffnung, die Komplexität der Welt zu begreifen. Doch Herr Palomar scheitert immer wieder an sich selbst, an seiner eigenen Wahrnehmung, seinen Empfindungen und Erfahrungen und Fragen und Bedürfnissen. Nahezu jede Betrachtung, zu der er sich stets ganz bewusst entschließt, endet mit dem Eingeständnis, die Dinge nicht (be)greifen zu können. So sagt er selbst, dass es ihm immer alles ruiniert – wie immer, wenn er sich selbst ins Spiel bringt, das eigene Ich und all die Probleme, die er mit seinem Ich hat.

Er betrachtet Schildkröten bei der Paarung, Wellen am Strand, singende Vögel, den Rasen, den Himmel und seine Gestirne, die Stadt und die Menschen in ihr und es erscheint fast so als würde er durch seine zutiefst detailgenaue Wiedergabe des Erlebten und das darauffolgende Scheitern seine Wahrnehmung immer weiter fragmentieren, alles wird immer komplexer, bis er schließlich in den letzten Kapiteln nicht mehr das Außen, sondern sein Inneres betrachtet, gipfelnd in dem Kapitel Versuch, tot sein zu lernen.

Ich stoße bei der Beurteilung zugegebenermaßen an meine Grenzen. Denn grundsätzlich empfand ich die Sprache als sehr angenehm und distinguiert, sie trifft, wo sie treffen muss, andererseits sind die Gedankengänge mitunter wirklich sehr abstrakt und fern jeder praktischen Alltagsbewältigung. Wer hier leichte Geschichten erwartet, in denen er vor dem Schlafengehen nochmal genüsslich schmökern kann, wird seine Bedürfnisse wohl nicht befriedigt sehen. Es ist zum tieferen Verständnis dessen, was Herr Palomar versucht, zweifelsohne ein hohes Abstraktionsvermögen und die nötige Konzentration erforderlich, sich auf diese Gedanken einzulassen, die zunächst sehr sperrig erscheinen.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, das ein oder andere zu Calvino zu recherchieren und so habe ich auch erfahren, dass er sich schon lange vor Herrn Palomar mit dem Ich und dessen Verschwinden, dessen Auflösung beschäftigt hat. Diese Auflösung, die er gesellschaftlich und historisch bemerkte, gelangt in Herr Palomar zu ihrem absoluten Höhepunkt. Sollte jemand also an Calvino interessiert sein, würde ich möglicherweise zunächst ein zugänglicheres Werk empfehlen. Dennoch war es ein wirklich interessantes und nahezu philosophisches Leseerlebnis, das einem überraschend viel abverlangt!

Herr Palomar beschließt, von nun an zu tun, als wäre er tot, um zu sehen, wie die Welt ohne ihn weitergeht.

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