Jiro Taniguchi & Ryuichiro Utsumi – Von der Natur des Menschen


Jiro Taniguchi ist ein japanischer Mangaka, von dem ich hier bereits Vertraute Fremde und Der spazierende Mann rezensiert habe. Sein sehr westlich geprägter Zeichenstil, die Konzentration auf die Kleinigkeiten des Alltags und die Zwischentöne menschlichen Zusammenlebens machen ihn zu einem sehr besonderen Vertreter japanischer Zeichenkunst. Ryuichiro Utsumi ist ein japanischer Autor, der die erzählerischen Vorlagen für diesen Comic liefert.

Taniguchis Werk ist ein charmanter Aufruf über den Tellerrand des alltäglichen Kleinkrams zu blicken und die Schönheit der Welt um uns herum neu zu entdecken„, scchreibt die deutsche Presseagentur und hat damit eigentlich schon sehr deutlich auf den Punkt gebracht, weshalb Taniguchi so ein besonderer Zeichner ist.  In acht kurzen Geschichten werden hier Begegnungen und Situationen des Alltags dargestellt, jedoch immer mit einem Blick für das Besondere. Es geht um einen Baum, der gefällt werden soll und dessen Bedeutung und Schönheit der Eigentümer des Gartens erst erkennt, als das Fachpersonal schon bereit ist, den riesigen Keyaki-Baum zu fällen.

Wir blicken in eine Familie, in der die kleine Hiromi mit ihren Großeltern in den Freizeitpark fährt und sich, meistens stumm, sämtlichen Geräten verweigert, außer einem weißen Holzpferd. Wir erfahren, dass sie einen Unfall in der Kindereisenbahn hatte, bei dem sie ihre Mutter aus den Augen verlor. Dass ihre Mutter erneut heiraten und das Kind bei den Großeltern lassen will, weil sie nicht weiß, wie es um die Fürsorglichkeit ihres neuen Ehemannes bestellt ist.

 

Wir sehen einen älteren Mann, der eines morgens erschrocken feststellt, dass die Frau, von der er vor über zwanzig Jahren geschieden wurde und seine Tochter in der Stadt sind. Seine Tochter stellt gerade ihre Malerei aus und der Vater, der als Grafikdesigner arbeitet, ist ganz gerührt und angetan davon, wie sehr seine Tochter ihm doch ähnelt, während seine Söhne sich nicht im Geringsten für Kunst interessieren. Er besucht die Ausstellung, jedoch ohne, sich als Vater zu erkennen zu geben und kauft ein Bild seiner Tochter, die sich höflich bei ihm bedankt. Ein anderer besucht seinen Bruder in einer nahelegenen Pension. Der ist über sechzig, geht aber trotzdem noch seinem Dachdeckerhandwerk nach, weil er nicht zuhause eingehen und sich seinem Alter ergeben möchte.

Eine alte Frau verliebt sich, nachdem sie ihr ganzes Leben lang nicht wusste, was wirkliche Liebe ist.

Insgesamt werden wir Teil von Familiengeschichten, von menschlichen Schicksalen, die immer berührend und keinesfalls unrealistisch sind. Sie klingen ganz sanft nach, sodass man nach jeder Geschichte unweigerlich innehält und darüber nachdenkt. Meistens lächelt man auch ein bisschen in sich hinein. Taniguchi ist weit entfernt von der Hektik üblicher Mangas. Viel mehr hat es den Anschein als liefe jemand auf Zehenspitzen, ganz sanft, um bloß den Moment nicht zu zerstören. Und genau das kommt an. Die Kraft des Augenblicks, der viel verändern kann, wenn er zum richtigen Zeitpunkt kommt und die richtige Saite in einem Menschen zum Klingen bringt. Es gelingt ihm überdies, dass in allen Geschichten etwas von den anderen anklingt und man sich manchmal fragt, ob einige Protagonisten der Geschichten sich nicht doch einmal in anderem Kontext begegnet sind.

Keine super Unterhaltungsliteratur, aber – wie alles von Taniguchi – etwas für’s Herz.

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Ein Gedanke zu “Jiro Taniguchi & Ryuichiro Utsumi – Von der Natur des Menschen

  1. „Der spazierende Mann“ habe ich geliebt, und ich schaue immer wieder mal hinein. „Von der Natur des Menschen“ ist dann jetzt auch direkt auf meinen Wunschzettel gewandert, vielen Dank für die schönen Worte. Besonders gut hat mir das Bild des auf Zehenspitzen Laufens, um den Augenblick nicht zu zerstören, gefallen.

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