Milena Michiko Flašar – Ich nannte ihn Krawatte


Milena Michiko Flašar ist eine österreichische Schriftstellerin. Sie ist die Tochter einer Japanerin und eines Österreichers. In Wien und Berlin studierte sie Komparatistik, Germanistik und Romanistik. Bereits von ihr erschienen sind die Romane Ich bin und Okaasan – meine unbekannte Mutter.

Dieses Buch gehört wahrscheinlich zu denen, die man nur dann liest, wenn man von anderen darauf aufmerksam gemacht wird. Es ist so unscheinbar, höchstens auffällig vielleicht durch seinen verwirrenden Titel, dass man es vermutlich leicht zwischen all den Neuerscheinungen übersehen kann. Ich bitte hiermit inständig darum, diesem gewöhnlichen Lauf der Dinge Einhalt zu gebieten, denn Flašar hat mit diesem Roman eine unglaublich berührende und zutiefst menschliche Geschichte erzählt, die zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder klischeebehaftet wirkt!

Zentrum der Geschichte sind zwei Männer, einer jünger und mit Namen Taguchi Hiro, einer älter – Ohara Tetsu.  Wir stellen fest, dass die Geschichte in Japan spielt, befinden das aber relativ schnell für irrelevant, die Parkbank, um die sich alles dreht, könnte überall auf der Welt stehen. Der zwanzigjährige Taguchi Hiro, der nahezu zwei Jahre lang sein Zimmer nicht verlassen hat, wagt sich, warum, erfahren wir nicht, wieder nach draußen. Langsam, vorsichtig, wie ein verschrecktes Tier. Aber er gelangt zu der Parkbank seiner Kindheit, die er mit sovielen positiven Erinnerungen verknüpft, dass er sich darauf niederlässt. Taguchi ist ein sogenannter Hikikomori.  So bezeichnet man in Japan Menschen, die sich freiwillig in ihr Zimmer oder ihre Wohnung zurückziehen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren.

So sitzt er auf dieser Parkbank und beobachtet einen älteren Salaryman, einen männlichen Firmenangestellten, wie er sich in seiner Nähe niederlässt, isst, raucht, Zeitung liest und döst. Aus einer zufälligen Begegnung wird schleichend eine Bekanntschaft, denn obwohl der ältere Mann einen Anzug trägt und aussieht als beginge er lediglich seine Mittagspause im Grünen, kommt er jeden Tag und verbringt Stunden im Park. Je öfter die beiden sich sehen desto näher kommen sie sich. Und so erfährt Taguchi Hiro, dass der ältere Mann, Ohara Tetsu, seine Arbeit verloren hat. Seiner Frau Kyoko hat er nichts davon erzählt, er hat es nicht über’s Herz gebracht. Und so verlässt er seit zwei Monaten jeden Morgen pflichtbewusst die Wohnung, seine Frau in dem Glauben lassend, er ginge zur Arbeit. Den Tag verbringt er im Park und kehrt abends nach Hause zurück. Das Schönste am Arbeiten ist das Nachhausekommen, sagt er immer.

Taguchi und Ohara sind aus dem gesellschaftlichen Rahmen Gefallene. Und  Flašar gibt uns hier, ungeachtet der Tatsache, dass die Parkbank, die zu ihrem Treffpunkt wird, an beliebigen Orten der Welt stehen könnte, einen Einblick in die Leistungsgesellschaft des modernen Japans. Eine Gesellschaft, in der nicht wenige an dem familiären und gesellschaftlichen Anspruch zerbrechen. Die beiden erzählen sich Episoden aus ihrem Leben, Taguchi urteilt gnadenlos ehrlich über seine Vergangenheit und auch Ohara räumt Fehler ein, gibt Einblick in seine tiefsten Gefühle, – die beiden tun etwas, was in Japan nicht gern gesehen ist. Zwei nahezu Fremde sprechen offen über ihre Bedenken, ihre Zweifel, ihre Hoffnungen und ihre Verzweiflung. Sie sind Ausgestoßene, wer soll jetzt noch über sie richten?

Ich fand die Geschichten, die beide zu erzählen hatten, beeindruckend realistisch. Es ging nicht darum, zwei Helden zu charakterisieren, mit denen sich der Leser identifizieren soll, es ging darum, die beiden als Menschen zu zeigen, mit all ihren Abgründen. Und so kommen auch Gefühle und Situationen zur Sprache, die wütend machen, ratlos, bis man feststellt, dass sie zutiefst menschlich sind. Dass gerade dieses Hadern und diese Unzulänglichkeit reale und dreidimensionale Figuren aus den beiden machen. Trotz aller Wut und allem Unverständnis entwickelt man Mitgefühl, man fragt sich, wie man selbst gehandelt hätte.  Ich möchte das Buch jedem ans Herz legen, der realistische Geschichten mag, der Sprache zu schätzen weiß und der Wert auf menschliche und authentische Charaktere legt. Ich nannte ihn Krawatte hinterlässt ein lachendes und ein weinendes Auge.

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3 Gedanken zu “Milena Michiko Flašar – Ich nannte ihn Krawatte

  1. Freut mich, dass dir der Roman so gut gefallen hat – auch ich habe „Ich nannte ihn Krawatte“ mit sehr viel Begeisterung gelesen und es auch bereits mehrmals verschenkt. Dieses Buch und diese Autorin verdienen es einfach, von möglichst vielen gelesen zu werden … 🙂

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