David Small – Stiche


David Small, 1945 in Detroit geboren, ist ein amerikanischer Comiczeichner und Illustrator. Seinen Master of Fine Arts machte er an der Universität von Yale und wurde vorallem durch Illustrationen für Bilder – und Kinderbücher bekannt. Für die autobiografische Arbeit Stiche wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Von außen sieht diese Graphic Novel zunächst einmal sehr unspektakulär aus. Ein loser Strich in Grau, ein schinbar ebenso lose gewählter Titel, der nichts über das Thema der Geschichte anklingen lässt. Aber es lohnt sich unter allen Umständen, einen Blick hinein zu werfen. David Small erzählt hier seine Geschichte, sein Leben, verwoben mit einigen Episoden anderer Familienmitglieder. Wir tauchen ein in die Fünfziger in Amerika, wo jeder Wissenschaftler noch ein Held war und zu neuen Ufern aufbrach. Und wir tauchen ein in eine Familie, die das Schweigen zum Gesetz gemacht hat. Davids Vater ist Arzt, Radiologe, um genau zu sein und röntgt den kleinen David regelmäßig. Mehr, um seine wissenschaftliche Neugier zu befriedigen als auf der Basis irgendeines medizinischen Befunds.

Davids Mutter ist eine kalte und distanzierte Frau, die für ihren Sohn keine Liebe und Zuneigung erübrigen kann. Als David vierzehn Jahre alt ist, stellt man eine Wucherung an seinem Hals fest und bringt ihn ins Krankenhaus. Eine kleine Operation, verspricht man ihm und alles sei wieder normal. Nur eine Zyste. Als er nach der Operation aufwacht, prophezeit man ihm eine zweite und als er aus dieser Narkose erwacht, kann er nicht mehr sprechen. Teile seiner Stimmbänder wurden entfernt. Eine riesige Narbe verläuft entlang seines Halses und seine Eltern tun nach wie vor so als sei nichts geschehen, was das bleierne Familiengleichgewicht ins Wanken bringen könnte. Durch Zufall erfährt David, dass er nicht irgendeine Zyste hatte. David hatte Kehlkopfkrebs, verursacht durch die ständige Röntgenstrahlung, der sein Vater ihn fortwährend ausgesetzt hatte.

Dieses Buch ist beeindruckend, weil es gleichzeitig so lakonisch und berührend ist. Man blättert die Seiten um und wird, wie von einem unaufhaltbaren Sog, in Davids Leben katapultiert, das alles andere als schön oder harmonisch verläuft. Die Zeichnungen seiner Eltern und anderer Protagonisten wirken sehr schemenhaft, nie sind Augen zu sehen, ein liebevoller Blick oder eine aufbauende Geste. Es sind starrende, grimmige Schemen, von denen David umgeben ist, vor seiner Krankheit wie danach. Mitunter dachte ich: Wie kann man so mit seinem Kind umgehen? Wie kann man derart hartherzig sein? Erklärungsansätze liefert Small wenigstens in Bezug auf seine Mutter selbst. Seine Mutter war mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen – oder einer Herzfehlstellung vielleicht, denn bei ihr befand sich das Herz auf der rechten Seite – und litt körperlich wesentlich mehr als David es als Kind jemals hätte begreifen können. Darüber hinaus war sie lesbisch oder hatte zumindest lesbische Neigungen, die sie stetig unterdrücken oder verstecken musste. Sein Übriges tut ihre eigene Herkunft und Familie.

Mich würde interessieren, wie David sein Leben heute meistert. Ob er verzeihen konnte. Seine Mutter starb jung.

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