Clemens J. Setz – Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes


Clemens J. Setz ist ein österreichischer Schriftsteller und Übersetzer. Er begann ein Lehramtsstudium der Mathematik und Germanistik und veröffentlichte nebenbei bereits Gedichte und Geschichten in mehreren Anthologien. 2009 wurde sein Roman Die Frequenzen für den deutschen Buchpreis nominiert, 2011 gewann die hier zu thematisierende Sammlung von achtzehn Erzählungen den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik.

Nachdem das Feuilleton sich überschlug und die Leipziger Buchmesse Clemens Setz Arno Geiger vorzog, wollte ich mir ansehen, was, berechtigt oder nicht, als die Ergüsse eines neuen und modernen Genies gefeiert wird. In achtzehn mehr oder weniger kurzen Geschichten macht uns Setz hier mit den Abgründen menschlichen Empfindens vertraut. Beginnend mit einem sadistischen Kind, das plötzlich auf einen Schulkameraden einschlägt, über ein Ehepaar, das teilweise perversen sexuellen Spielereien fröhnt, einer völlig unerklärlich und plötzlich auftauchenden Leiche, von Pestbeulen befallene Visitenkarten, einer Frau, die in einem Riesenrad lebt oder einem Mädchen, dem Flügel wachsen, die sie erschrocken im Klo herunterspült, bishin zu der Abhandlung über einen fiktiven Programmierer von Computerspielen, ist wirklich alles in sprachlich recht ansprechende Form gegossen.

Hier offenbart sich aber, meines Erachtens, schon ein großes Manko dieser Werke – ihre zum Teil bewusst inszenierte, zum Teil vermutlich gleichgültig hingenommene Inhaltslosigkeit. Zwischen Geschichten, die durchaus Potential haben, finden sich andere, die einen völlig ratlos zurücklassen, die nicht nur scheinbar, sondern ganz offensichtlich keinen Sinn ergeben sollen und wollen und in dieser trotzigen Sinnlosigkeit sehr gewollt modern und kryptisch wirken. Da ist beispielsweise der Mann, der seinen toten Verwandten besucht und dabei, so hören es jedenfalls der Bestatter und sein Lehrling im Nebenraum, das halbe Zimmer zerlegt. Doch als der Besucher gegangen ist, findet sich im Zimmer alles an seinem Platz und nichts ist zu Bruch gegangen. Ende der Geschichte. Da fragt man sich doch unweigerlich: Was soll das? Was will man uns damit sagen, was soll da angedeutet werden, was ist der Sinn des Ganzen – oder ist es lediglich Sprachspielerei, deren Sinn und Zweck es eben gerade ist, gar nichts Tiefgründiges oder Wichtiges sagen zu wollen? Die Geschichte mit dem doch eher latent pervers veranlagten Ehepaar hat mich fast dazu gebracht, das Buch zuzuklappen. Nicht, dass ich etwas gegen Sexschilderungen im Allgemeinen einzuwenden hätte, aber hier bekam man unweigerlich den Eindruck, der Autor wollte nichts als provozieren und anecken – ein Dirk Bernemann in intellektuellerem Gewand?

Die Geschichte des Jungen, der in einer Schneekugel auf irgendeinem fremden Planeten lebt und einen Roboter zu konstruieren versucht, mit dem er sich über Musik austauschen kann, habe ich dann gen Ende mehr überflogen, denn wirklich bewusst gelesen. Man mag in alles etwas hineinlesen können, man mag in der grundsätzlich vorhandenen, surrealen Stimmung etwas Kafkaeskes sehen, mag man es als Stimmungsbild einer Generation betrachten, in der alles blutleer und hoffnungslos ist. Ich weiß jedenfalls nicht, was ich zu diesem Buch sagen soll. Vielfach wurde sich darüber beklagt, dass Herr Setz sein Handwerk nicht beherrsche. Das kann ich nicht sagen. Aber die Geschichten erscheinen mir mehr wie kurze Momentaufnahmen, wie Szenen aus Alpträumen oder schlechten Filmen. Psychologische Ausgestaltung oder Hintergrund sucht man vergebens. Vielleicht schreibt Herr Setz hier ein bisschen so wie Jackson Pollock seine Bilder malte – voll und ganz im Affekt des Augenblicks, mitgerissen von einer momentanen Stimmung. Das ist vielleicht sehr zeitgemäß, aber nicht jedermanns Geschmack.

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