Peer Meter & Isabel Kreitz – Haarmann


Isabel Kreitz ist eine deutsche Comiczeichnerin, die 1997 als Beste ihres Fachs ausgezeichnet wurde. Sie illustrierte u.a. Uwe Timms Novelle Die Entdeckung der Currywurst. Sie lebt und arbeitet in Hamburg. Peer Meter ist ein deutscher Schriftsteller, der neben seiner Zusammenarbeit mit Isabel Kreitz auch gemeinsam mit Barbara Yelin das Comic Gift veröffentlichte – es erzählt die Geschichte der Bremer Giftmischerin Gesche Gottfried.

Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Hackfleisch auch aus dir. Mutmaßlich hat dieser makabere Reim, viel mehr als die Person Fritz Haarmann selbst, die Zeiten überdauert. Isabel Kreitz und Peer Meter haben sich hier einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte gewidmet und es grafisch sehr beeindruckend aufgearbeitet. Wir befinden uns in den Zwanzigerjahren in Hannover, mitten in den politischen Wirren der Weimarer Republik. Fritz Haarmann ist ein mittelmäßig auffälliger Mensch, der sich mit allerlei zwielichtigen Geschäften finanziell über Wasser hält. Schon früh wurde Haarmann „unheilbarer Schwachsinn“ attestiert, er litt unter Schizophrenie und hatte Halluzinationen. Er floh aus mehreren Heilanstalten, versteckte sich schließlich eine zeitlang in der Schweiz, bis er nach Hannover zurückkehrte.

Mehrere Versuche, beruflich Fuß zu fassen, schlugen fehl und so verdingt sich Haarmann als Händler von Kleidung und Fleischkonserven. Wohnhaft in einem Stadtviertel, dessen Lasterhaftigkeit überall bekannt ist, beschäftigt ihn die hannoversche Polizei, ungeachtet Haarmanns Vergangenheit, als Spitzel, um mehrere Betrugsfälle und andere Straftaten aufzuklären. Man händigte ihm sogar einen Polizeiausweis aus, was im Prozess gegen ihn 1924 für einen justiziellen Skandal sorgte. Haarmann lockte bevorzugt unter der Vorgabe ein „Kriminal“ zu sein, junge Männer in seine Wohnung, vergewaltigte und ermordete sie auf bestialische Art und Weise – was ihm unter anderem den Beinamen „Der Schlächter“ einbrachte.

Mehreren Einwohnern der Stadt war er schon häufiger aufgefallen, wenn er immer wieder wechselnde Männerbekanntschaften mit in seine Wohnung nahm. Häufig drangen auch Sägegeräusche aus seinem kleinen Zimmer und in der angrenzenden Leine fanden die Polizisten nach der Trockenlegung die menschlichen Knochen von mindestens zweiundzwanzig jungen Männern. Vermehrt meldeten sich Eltern bei der Polizei, um ihre Kinder als vermisst zu melden, doch der Polizei Hannover gelang es stets, diese Vermisstenanzeigen unter ihrer Aktenflut verschwinden zu lassen. Nicht selten endete eine elterliche Recherche auf eigene Faust vor der Tür Haarmanns. 1924 wurde er schließlich gefasst und zum Tode veurteilt.

Man mag zu recht behaupten, dass das Comic ein eigentümliches Medium ist, um sich einer solchen Geschichte zu widmen. Nach der Lektüre von Die Entdeckung der Currywurst war ich auch von Kreitz‘ Zeichenstil eher abgestoßen, sodass ich überrascht war, wie gut die Zeichnungen hier gelungen sind und welch düstere Atmosphäre sie kreieren. Man erfährt alle wichtigen Eckdaten der Geschichte Haarmann, dem Comic sind Erläuterungen zum Fall angefügt und alle Liebhaber des Morbiden dürften hier auf ihre Kosten kommen. Darüber hinaus ist Haarmann natürlich auch psychologisch interessant – aber hier vereinigt sich zunächst einmal eine grandiose zeichnerische Leistung mit einer spannenden und historisch belegten Geschichte.

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