Cornelia Funke – Geisterritter


 

Cornelia Funke ist eine deutsche Kinder – und Jugendbuchautorin, deren meist phantastische Werke mittlerweile international erfolgreich sind. Der Durchbruch gelang ihr mit ihrem Werk Herr der Diebe, was bereits verfilmt wurde. Weite erfolgreiche Reihen waren und sind die Wilden Hühner, die Gespensterjäger und die Tintenwelt-Trilogie. In Hamburg geboren, lebt Funke heute mit ihren Kindern in Los Angeles.

Bisher war ich weitgehend ahnungslos, was Funkes Gesamtwerk betraf. Ich wusste, sie zeichnet sich verantwortlich für diese Mädchentruppe, für diese Tintenweltsache und für irgendeinen Diebescharakter, aber nachdem ich Tintenherz nach einigen Seiten enttäuscht beiseite gelegt hatte, muss ich auch konstatieren, dass mein Interesse an Funke sich größtenteils im kaum vorhandenen Bereich bewegte. Das oben abgebildete ist ihr neuestes Werk und ich wollte wirklich, ganz ehrlich, versuchen, ihr eine Chance zu geben.

Der elfjährige John Whitcroft wird von seiner Mutter auf ein Internat im englischen Salisbury gesteckt, weil er zuhause ein wenig zu deutlich zum Ausdruck bringt, dass ihm der neue Partner seiner Mutter nicht in den Kram passt. Jons Vater starb, als er vier war und offensichtlich ist der Junge noch nicht in der Lage, einen neuen „Vater“ in seinem Leben zu akzeptieren. Diese Abneigung gestaltet Funke dann auch über Gebühr aus, – Jon stellt sich vor, wie man den „Vollbart“ (derjenige welcher ist ein vollbärtiger Zahnarzt) an einem Baum aufknüpfen könnte, Jon malt Grabsteine von ihm und auch zuhause hatte er diesem Mann das Leben schwer gemacht, weil … er bei allen anderen Familienmitgliedern recht beliebt war ?! (einschließlich des Hundes!)

Wie dem auch sei, Jon kommt an und vergeht fast vor Heimweh. Die ersten sechs Tage trägt er gewollt und bewusst eine sehr bittere Miene zur Schau, bis etwas passiert, was diese Miene auch tatsächlich rechtfertigt. Ihm erscheinen in der Nacht vier Geister auf Pferden, bleich wie der Mond, mit blanken Schädeln, die ihn unverwandt anstarren und die auch nur er sehen kann. Was er zunächst für eine Halluzination, ausgelöst von einer zu einseitigen Weingummi-Ernährung hält, ist tatsächlich ein in der Gegend spukender Mörder namens Stourton und dessen Knechte. Sie wollen Jon, weil er mütterlicherseits den Namen Hartgill trägt und ein Hartgill damals dafür verantwortlich war, dass Stourton gehängt wurde. Einfaches Motiv also: Rache.

Natürlich glaubt niemand Jon seine abenteuerliche Geschichte, die er gezwungenermaßen erklären muss, als er wie von der Tarantel gestochen über den Domhof hetzt, ohne, dass seine Mitschüler irgendeine Bedrohung erkennen können. Bis Ella kommt. Ella ist ein Mädchen, dessen Großmutter Geistertouren unternimmt (und Funke weist im Anhang darauf hin, dass es diese Gespenstertouren in Salisbury tatsächlich gibt!) und ihr offensichtlich den Glauben an das Übernatürliche in die Wiege gelegt hat. Ella kennt eine Legende, nach der es einen Ritter namens William Longspee gab, der sich im Tod geschworen hatte, den Schwachen gegen die Starken zu verteidigen. Man müsse ihn nur rufen, in der Kathedrale neben seinem steinernen Marmorsarg. Spätestens jetzt hätte ich, auch als Elfjährige, langsam begonnen, meinen Geisteszustand anzuzweifeln, aber Jon lässt sich schnell überreden und die beiden rufen William Longspee. Erfolgreich, wie sich herausstellt.

Um nicht das ganze Buch nachzuerzählen, sei soviel gesagt: Auch William Longspee schultert ein dunkles Geheimnis, Lord Stourton ist nicht so leicht zu töten und aus der Welt (der Lebenden) zu schaffen, wie man angenommen hatte und  Ellas Entführung stellt den Höhepunkt der Geschichte dar. Eigentlich ist es eine schöne Idee. Die Illustrationen Hechelmanns tun ihr Übriges, aber eines fällt sofort auf – Für Kinder ist dieses Buch nicht gemacht. Weder inhaltlich noch die dazugehörigen Bilder betreffend.

Auch wenn es Kinder wahrscheinlich heute nicht mehr schockieren kann, blanke Schädel, hohlwangige Gesichter und Kämpfe auf Leben und Tod zu sehen, wird es den Eltern möglicherweise schon etwas ausmachen. Dieses Buch ist düster und bis auf einige leicht humorvolle und liebenswürdige Szenen ändert sich das auch bis zum Ende nicht. Da ich Funke zuvor nicht bewusst gelesen habe, kann ich ihren Schreibstil nicht im Vergleich beurteilen, muss aber sagen, dass er mir in diesem Buch sehr mittelprächtig und durchschnittlich erschien. Wenn die Geschichte Fahrt aufnimmt, will man auch dranbleiben, aber nicht, weil es sprachlich ansprechend wäre, sondern weil die Geschichte es trägt, – bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls. Natürlich legen Kinder und Jugendliche potentiell weniger Wert auf sprachliche Ausgestaltung, aber an einigen Stellen in Funkes Werk dachte ich schon für einen Moment, diesen oder jenen Abschnitt hätte auch ein Hobbyautor auf’s Papier zaubern können.

Jon blieb mir bis zum bitteren Ende irgendwie fern und unsympathisch. Vielleicht, weil ich mich nicht in elfjährige Jungen hineinversetzen kann, vielleicht aber auch, weil viele seiner Intentionen und Gedanken unsichtbar bleiben. Alles, was wir bis zum Ende von ihm erfahren, ist, wie sehr er den Vollbart verabscheut, obwohl der in seinem Abenteuer eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt hat. Während er also den einen vergleichweise grundlos ablehnt, ist Ella, trotzdem sie ein Mädchen ist, wie er betont, nach einer Woche schon eine derart gute Freundin, dass er den Streit mit ihr kaum aushält. Genauso, wie der Geist William Longspees in Jon mehr Zuneigung hervorrufen kann wie irgendein anderer Charakter dieser Geschichte. Schlussendlich sei also gesagt: Man kann es lesen, sicherlich auch mit Vergnügen, aber für mich war die Geschichte eher enttäuschend. (was mich wohl auch in Zukunft noch davon abhalten wird, in Funkes Werk einzutauchen)

 

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