Cyril Pedrosa – Drei Schatten


Cyril Pedrosa ist ein französischer Comiczeichner und Animationszeichner. Er hat bereits für Disney an Produktionen wie Der Glöckner von Notre Dame und Herkules mitgewirkt und in Zusammenarbeit mit David Chauvel mehrere Bände der Serie Ring Circus gezeichnet. Das oben genannte Werk ist zweifelsohne eines seiner persönlichsten.

Zunächst habe ich einen Bogen um dieses Comic gemacht, weil der Zeichenstil wirklich sehr eigentümlich ist und scheinbar stetig wechselt, sodass kaum eine Kontinuität im visuellen Erleben entsteht. Aber als ich mich dann eingelesen und dem ganzen eine Chance gegeben hat, fand ich es doch sehr anrührend und gut gemacht. Aber zur Geschichte.

Der kleine Joachim (ein seltsamer Name in einem französischen Comic, nicht?) und seine Eltern Lise und Louis leben auf einem kleinen abgelegenen Hof mitten in der Pampa. Vater und Sohn gehen gemeinsam jagen und das Leben der kleinen Familie ist mit idyllisch und harmonisch wohl am besten beschrieben. Bis Joachim eines Abends erschrocken im Zimmer seiner Eltern über drei Schatten berichtet, die er auf einem entfernten Hügel sieht und die ihn offensichtlich beobachten. Während sein Vater die Gestalten in der Ferne erst für Bäume hält, ist Mutter Lise beunruhigt.

Nach einigen erfolglosen Versuchen diese merkwürdigen Gestalten zu vertreiben, die wiederholt um das Haus herum auftauchen, macht sich Lise, gegen den Willen ihres Mannes, auf den Weg zu Fräulein Pique, einer alten Dame, die mutmaßlich mit kruden Zukunftsvorhersagen und Geburtshilfe ihr Geld verdient und anscheinend regelmäßig etwas zurückgebliebene Ziehsöhne beherbergt. Fräulein Pique teilt Lise mit, dass die Schatten gekommen seien, ihren Sohn Joachim zu holen. Die Metapherebene ist allen klar ? Der kleine Joachim wird also sterben müssen, die Frage ist nur wann.

Sein Vater allerdings will das nicht begreifen und geht mit Joachim fort, gewissermaßen, um dem Schicksal zu entfliehen, – was aber auf leisen Sohlen folgt. Die beiden heuern auf einem Schiff an, das sie ich-weiß-nicht-wohin bringt, als plötzlich sowohl der Kapitän als auch ein Sklavenhändler ermordet werden. Oder, präziser aufgedrückt, von den Schatten mitgenommen werden, die Joachim und seinen Vater bewundernswert schnell aufgespürt haben. Nach dem ersten Mord verdächtigt man noch Joachims Vater, sodass die beiden, als ein Unwetter ein Leck ins Schiff reißt, von einem Fremden aus dem Kerker geholt und an irgendeiner Küste angespült werden. Krank und fiebrig.

Ein merkwürdig aussehender Alter peppelt die beiden auf und Joachims Vater beginnt einzusehen, dass er den Schatten nicht davonlaufen kann. Doch der Mann bietet ihm einen Handel an.  Es gäbe eine Möglichkeit, seinen Sohn zu retten. Er müsse ihm nur sein Herz überlassen, das er ihm, trotz Protest Joachims, aus der Brust nimmt. Die folgenden Sequenzen sind beinahe etwas surreal und wohl eher auf einer metaphysischen Ebene zu verstehen. Joachims Vater wächst zu unmenschlicher Größe heran und trägt seinen Sohn Tag um Tag, eine gefühlte Ewigkeit, in seiner geschlossenen Hand. So könne ihm nichts geschehen, glaubt er, aber durch den Verlust seines Herzes ist er gezwungen, wie eine Maschine durch die Lande zu streifen und seine Kräfte zu beweisen – etwas, was ihm zwar Sicherheit bietet, aber weder ihn noch seinen Sohn in irgendeiner Weise glücklich macht.

Möglicherweise symbolisiert es die Selbstüberschätzung, die Joachims Vater letztlich Glauben machte, sich über das Schicksal hinwegsetzen zu können (mal vorausgesetzt, wir glauben an sowas wie Schicksal und nennen es nicht zufällige Begebenheit, auf die wir ohnehin keinen Einfluss haben). Ab dem Zeitpunkt, wo er herzlos ist, geht es nicht mehr um Joachim, der in der Hand seines Vaters verkümmert, sondern nur noch um dessen Sicherheit und dessen Unwillen, loszulassen, obwohl er seinen Sohn damit erdrückt. Irgendwann bricht Louis erschöpft zusammen und gibt, zweifelsohne unfreiwillig, seinen Sohn frei. Wie ein riesiger Koloss liegt der Vater im Schnee – oder jedenfalls habe ich es in seiner durchdringenden Weiße für Schnee gehalten – als die drei Schatten zu Joachim kommen und sich als drei Frauen in Kutten herausstellen.

Die letzten Seiten, muss ich gestehen, haben mir etwas Schwierigkeiten bereitet. Die drei Frauen lassen Joachim noch einen Moment zurück, um sich, bevor sie ihn mit sich nehmen, um einen Betrüger zu kümmern – den Mann, der Joachims Vater das Herz entnommen und ihn somit eigentlich unfähig gemacht hat, Joachim zu helfen oder gar beizustehen.  Plötzlich befinden wir uns in einer völlig anderen Szenerie, irgendeine dekadente Feier, auf der ein gewisser Baron (der namenlose Betrüger) Karten spielt. Zuvor kannten wir ihn als eine Art Schamane auf irgendeinem verlassenen Flecken Erde, sodass dies schonmal hinreichend irritiert. Aber die Irritationsskala erreicht erst dann ihren Höhepunkt, als eine der drei Schattenfrauen mit dem Baron um einen Kuss spielt und Wein trinkt. Der Wein hat wohl irgendeine zutiefst verstörende Wirkung auf die junge Frau – wobei ich mich da korrigieren müsste, denn als Leser ist man wesentlich verstörter – , deren Haare mit jedem Schluckauf plötzlich ein Stück länger wachsen. Ob das (un)freiwillige Komik oder einfach eine seltsame Metapher ist, habe ich nicht entschlüsseln können.

Der Baron sieht die Hexe in ihr, stürmt nach draußen, läuft vor eine Kutsche – und so haben sie ihn doch noch mitgenommen. Ich verstehe allerdings nicht ganz, weshalb sie die offenbar Bösen vorher töten müssen, bevor sie sie mitnehmen, während der kleine Joachim aus dem Leben spaziert wie er es betreten hat – verhältnismäßig unversehrt. Aber wahrscheinlich wäre es zynisch und geschmacklos gewesen, das Kind vorher zu töten.  Jedenfalls stirbt Joachim und seine Eltern haben auf den letzten Seiten zwei Töchter, die sie lieben, die Harmonie vom Anfang ist widerhergestellt. Ich weiß nicht recht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. So wirkt der Tod des Sohnes beinahe wie eine Belanglosigkeit, die man eben nicht ändern kann. Insgesamt ist der Comic liebevoll und ansprechend, aber in einigen erwähnten Details war er mir dann doch eine Spur zu merkwürdig und verdreht. Hicksende Schattenfrauen mit plötzlichem Haarwuchs, riesenhafte Väter, Sklavinnen und herausgerissene Herzen.

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Ein Gedanke zu “Cyril Pedrosa – Drei Schatten

  1. Ich bin auf diese Seite gestoßen, weil ich nach dem Titel einer Graphic Novel suchte, die ich vor etwa zwei Jahren gelesen habe und die mich sehr berührt hat. Und eben diese wurde hier rezensiert. Wie gesagt, mich hat diese Geschichte berührt, den Zeichenstil fand ich sehr passend, mir hat es rundum gefallen. Wobei ich zugeben muss, dass ich auch an manchen Stellen etwas verwirrt war, aber ich suche nicht händeringend nach möglichen Metaphern, wenn ich keine finde, sondern nenne es „magisch“ und finde es schön.

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