Gottfried Keller – Kleider machen Leute


Gottfried Keller (1819-1890) war ein Schweizer Dichter und Politiker. Seine künstlerische Laufbahn begann Keller als Landschaftsmaler. Er widmete sich im Vormärz der politischen Lyrik, um dann bei der Schriftstellerei zu bleiben. Gut fünfzehn Jahre bekleidete er außerdem das Amt des Staatsschreibers der Republik Zürich. Seine bekanntesten Werke sind Der grüne Heinrich und der Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla, zu dem auch das oben genannte Werk gehört. Keller wird gemeinhin, ähnlich wie Storm und Fontane, dem bürgerlichen Realismus zugerechnet.

Erst neulich wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Werk doch die typische Schullektüre sei. Ich selbst habe es nie in der Schule gelesen und dieser Begriff ist bei mir auch stets auf taube Ohren gestoßen, weil ich nach wie vor glaube, dass klassische Literatur nicht umsonst die Zeit überdauert und im Unterricht bloß mit Bezug auf das Heute ansprechend aufbereitet werden sollte. Auch im Falle Kellers ist das möglich, wenn wir uns die Geschichte näher betrachten. Protagonist ist der arme Schneider Wenzel Strapinski, der in Seldwyla seine Anstellung verliert und auf einer kargen Landstraße in Richtung Goldach wandert. Er trägt einen feinen Mantel, jedenfalls einen solchen, der seinem Stande nicht angemessen ist und so kommt es, dass er von den Bewohnern Goldachs, das er nur durch einen Zufall in einer Kutsche sitzend betritt, für einen reichen polnischen Grafen gehalten wird.

Man trägt sofort die feinsten Speisen auf, er darf edlen Wein probieren, den Herren beim Kartenspiel zusehen und eigentlich einen ganz angenehmen Tag verleben, wenn ihn nicht immer wieder sein Gewissen plagte. Er selbst gibt sich niemals als Graf aus, doch man kann fast behaupten, diese Falschmeldung über den reichen Adligen sei ein perfekter Selbstläufer. Wenzel, hungrug nach Anerkennung und darüber hinaus im wahrsten Sinne des Wortes, findet nicht den Mut, dieses Missverständnis aufzuklären. Immer wieder sucht er nach Wegen, das Dorf zu verlassen, ohne die Situation aufzuklären, aber spätestens, als er auf die Amtstochter Nettchen trifft, beschließt er, sich gewissermaßen seiner Rolle zu ergeben.

Nettchen verliebt sich in ihn und umgekehrt, eine Hochzeit wird geplant. Noch immer fühlt sich Strapinski nicht imstande, ehrlich zu sagen, dass er bloß ein einfacher Schneider ist. Das übernimmt gewissermaßen das Schicksal für ihn, als er, mit seiner zukünftigen Gattin in einer feinen Kutsche sitzend, auf eine Art Parade aus Seldwyla trifft, die von den Schneidern der Stadt angeführt wird. Unter ihnen ist auch Strapinskis frührere Arbeitgeber, der den Armen vor den Menschen aus Goldach bloßstellt und dessen Identität entblößt. Bevor dies passiert, führen die Schneider noch einige Tänze auf, um Strapinski möglicherweise doch zu einem selbstgewählten Geständnis zu bewegen.

Nun traten allmählig jene besagten Schneidergruppen nacheinander ein. Jede führte in zierlichem Gebärdenspiel den Satz „Leute machen Kleider“ und dessen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgendein staatliches Kleidungsstück, einen Fürstenmantel, Priestertalar und dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige person damit bekleidete, welche, urplötzlich umgewandelt, sich in höchstem Ansehen aufrichtete und nach dem Takte feierlich einherging. Auch die Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige Krähe erschien, die sich mit Pfauenfedern schmückte und quakend umherhupfte, ein Wolf, der sich einen Schafspelz zurechtschneiderte, schließlich ein Esel, der eine furchtbare Löwenhaut von Werg trug und sich heroisch damit drapierte wie mit einem Carbonarimantel. 

Erschrocken und beschämt flieht Wenzel Strapinski in die kalte Nacht. Freilich geht er davon aus, dass auch Nettchen ihn nicht mehr sehen will, legt sich in den Schnee und schläft ein. Doch Nettchen ist tatsächlich etwas an Wenzel und nicht nur an dessen feinem Mantel gelegen und so sucht sie ihn in der Nacht. Fast erfroren findet sie ihn schließlich und bringt ihn ins Haus einer befreundeten Bäuerin, um mit ihm zu sprechen. Er erzählt, dass er durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, ein feinerer Kerl zu werden und bei einer befreundeten Gutsherrin zu leben wie zu lernen, wenn seine Mutter sich nicht an ihn geklammert und diesen Weg versperrt hätte. So machte er eine Schneiderlehre, bis der Militärdienst ihn schließlich der Mutter entriss. Nachdem er Nettchen so von seinem Leben erzählte, traf die die einzig richtige Entscheidung: Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein, und ich will mit dir gehen trotz aller Welt! (…) Nun wollen wir gerade nach Seldwyl gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, dass sie uns erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben!

Kellers Novelle ist ein herrliches Plädoyer für die Aufrichtigkeit, für die emotionale Verbindung zwischen zwei Menschen, ganz gleich, wie die Außenwelt sie beurteilt und vollkommen egal, ob man nun einen schönen Mantel trägt, weil man tatsächlich adligen und reichen Geschlechts oder einfach nur ein Schneider mit Modegeschmack ist. Auf den Menschen unter den Kleidern kommt es an, das hat Keller deutlich herausgestellt und ich hätte mir eigentlich fast gewünscht, dass die Novelle noch ein wenig länger gewesen wäre. Und bei dieser Gelegenheit fällt mir auch wieder ein Ausschnitt aus Oliver Twist ein, der sehr gut abrundet, weshalb diese Novelle Kellers noch immer etwas besitzt, woraus wir lernen können.

Es gibt Beförderungen im Leben, die, unabhängig von der damit verbundene höheren Entlohnung, besonderen Wert und besondere Würde durch die dazugehörigen Röcke und Westen erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen seidenen Schurz, ein Ratsherr seine Seidenrobe, ein Büttel seinen Dreispitz. Entblößt den Bischof seines Schurzes oder den Büttel seines Hutes und seiner Tressen, und was sind sie ? Menschen. Bloße Menschen. Würde und mitunter sogar auch Heiligkeit sind mehr eine Frage von Rock und Weste, als manche Leute denken. 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Klassiker veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s