Joey Goebel – Heartland


Joey Goebel ist ein US-amrikanischer Autor, der mit Vincent und Freaks bereits zwei sehr besondere und beeindruckende Romane geschrieben hat. 1980 geboren spielte er, bevor er 2003 seinen ersten Roman veröffentlichte, in der Punkband The Mullets als Frontmann und Gitarrist. Goebel studierte Anglistik.

Viele bezeichnen Heartland als Goebels bisher schlechtesten Roman. Diesem Urteil kann und will ich mich nicht anschließen. Es ist ein sehr amerikanischer Roman, der neben der Geschichte der Familie Mapother auch viele Themen berührt, die in der politischen Landschaft Amerikas von großer Bedeutung sind. Goebel gelingt eine Verflechtung aus dem skurillen Witz Irvings und der politischen Treffsicherheit, die man sonst von Dokumentarfilmern wie Michael Moore kennt.

Aber mehr zur Geschichte. Blue Gene (eigentlich Eugene) Mapother ist ein gelangweilter und müder Mittzwanziger, der sich von seiner Familie losgesagt hat und nun, wie es immer sein Traum war, einen Flohmarktstand besitzt, auf dem er altes Spielzeug aus den Achtzigern verkauft. Blue Gene ist Wrestlingfan und sieht aus wie der typische Unterschicht-White-Trash Typ aus dem Trailerpark. Schnauzbart, tätowiert, ärmellose Shirts und Baseballcap, niemand würde ihm anmerken, dass er zur reichsten Familie Amerikas gehört.

Eines Tages taucht überraschend seine Mutter auf dem Flohmarkt auf. Sie möchte Blue Gene bitten, an einem Familienessen teilzunehmen, selbstverständlich nicht ohne Hintergedanken. Blue Genes sozialphobischer Bruder John möchte für ein politisches Amt, ja, eigentlich sogar für das Präsidentenamt kandidieren und in den Kongress gewählt werden. Dafür braucht er aber Blue Genes Unterstützung, denn der gehört zu den „einfachen“ Leuten, die es bei der Wahl zu gewinnen gilt und kann besser mit selbigen umgehen. John leidet hingegen immer öfter unter Panikattacken, die er vor seiner Familie verbirgt. Während der Wahlkampf immer weiter voranschreitet und Blue Gene sich schweren Herzens dazu entschlossen hat, die Differenzen, die vier Jahre Funkstille auslösten, beiseite zu lassen, bröckelt die Fassade der angesehenen Familie Mapother. Was von Anfang an als selbstverständlich galt, was man als Leser auch nicht in Frage stellte, wird mit der Zeit neu geordnet.

Blue Gene muss erkennen, dass er das, was er bisher von seiner Familie kannte, verwerfen muss. Dass er betrogen wurde.

Zwar fängt Heartland zugegebenermaßen etwas langsam und schwerfällig an, aber meines Erachtens gelingt ihm der Einstieg in einen packenden, humoresken, aber auch sehr traurigen und ernsthaften Familienroman, der uns lehrt, hinter die Fassade zu blicken. Sei es nun die Fassade eines Landes, das behauptet, die freieste Nation der Welt zu sein oder hinter die Fassade einer Familie, die, obwohl sie diese typisch amerikanischen Werte vertritt, mit ihnen spielt. Es ist auch die Geschichte einer Entwicklung, eine Geschichte, die sich ganz klar positioniert gegen Lügen und Heuchelei.

Ich könnte noch mehr Inhaltliches verraten, möchte aber niemandem die Spannung und das Lesevergnügen rauben, das angesichts der unvorhergesehenen Wendungen  beinahe unvermeidlich ist. Sollten noch nähere Angaben zur Geschichte gewünscht sein, kann und werde ich diese umgehend nachliefern. Manchmal wirkt aber ein gesamter Stimmungseindruck mehr als eine bis ins Detail ausgeschmückte Inhaltsangabe.

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