Urs Widmer – Herr Adamson


 

Urs Widmer ist ein schweizerischer Schriftsteller. Sein Werk ist sehr vielschichtig und reicht von Romanen und Theaterstücken über Essays bishin zu Hörspielen. Als seine Stärke gelten die Fantasie und humorvolle bis surrealistische Elemente seiner Geschichten. Ihm ginge es einerseits darum, Fiktion zu schreiben und das den Leser auch spüren zu lassen, andererseits aber nicht die Verbindung zur Wirklichkeit zu verlieren. Darüber hinaus arbeitet Widmer als Übersetzer.

Ich bin zuweilen damit beschäftigt, mir in meinem Kopf drin etwas Schönes vorzustellen, Bäume oder Ozeane oder Luft oder Liebe, weil es da, wo ich wohne, irgendwie nicht immer schön genug ist, zu wenig Bäume und Ozeane und Luft und Liebe.

– Urs Widmer, 1977

Herr Adamson ist das erste Buch Widmers, das ich gelesen habe, demnach war ich mit seinem Stil nicht vertraut. Gegen die literarische Ausgestaltung kann ich auch rein gar nichts sagen, die Geschichte allerdings war für mich schwer zugänglich. Aber von Anfang an, damit auch nachvollziehbar wird, wo und warum ich unter gewissen Zugangsschwierigkeiten gelitten habe.

Der namenlose Erzähler sitzt zu Anfang mit seiner Familie im Garten. Es ist das Jahr 2032, unser Protagonist ist seinerseits stolze vierundneunzig Jahre alt und bespricht, nach den Feierlichkeiten, allein einen Recorder für seine Enkelin Anni. Er erzählt aus seinem Leben und beginnt als achtjähriger Junge im Garten Herrn Kremers, der für ihn und seinen Freund Mick immer als Rückzugsort für ihre Spiele diente. Sie waren Navajos, stolze Indianer, mit Federn im Haar.

Eines Tages trifft unser Protagonist auf einen alten Herrn namens Herr Adamson. Er hat ihn nie zuvor gesehen, freundet sich aber schnell mit ihm an, verbringt viel Zeit mit dem freundlichen Alten und lernt ihn immer besser kennen. So erfährt er auch, dass Herr Adamson eigentlich längst gestorben ist und das in exakt derselben Minute, in dem gleichen Augenblick als er selbst geboren wurde. Unser Erzähler ist Herr Adamsons Nachgeborener und Herr Adamson ist seinerseits als Toter verpflichtet, seinem Nachgeborenen beizustehen – vorallendingen aber ist er dafür da, unseren Erzähler viele Jahre später abzuholen, als es auch für ihn Zeit ist, zu gehen.

Herr Adamson aber braucht seinen Nachgeborenen dringend. Er muss einen alten Koffer mit einem Schatz aus dem verfallenen Haus des Schuhmachers holen, den er noch zu Lebzeiten dort versteckt hat. Dies gelingt ihm aber nur mit der Zuneigung und Liebe seines Nachgeborenen, die ihm die Kraft verleiht, solch weite Strecken zurückzulegen. So bergen die beiden – oder für jeden Außenstehenden nur der achtjährige Junge – den Koffer und laufen schnellen Schrittes zurück zu Herrn Kremers Garten. Dort verabschiedet sich Herr Adamson und in tollkühner Art und Weise springt unser Protagonist in Herrn Adamson hinein, als dieser gerade eine Mauer durchqueren und damit das Totenreich betreten will.

Es folgt eine sehr merkwürdige Sequenz, in der unser Erzähler auf schmalen Balken durch die Dunkelheit balanciert, umgeben von Dunkelheit und dem Stöhnen der Toten, angetrieben nur von Herrn Adamsons Stimme, die mal aus ihm heraus zu kommen und mal von hinten an ihn heranzuwehen scheint. Heraus kommt er aber nicht etwa wieder in Herrn Kremers Garten, sondern in Griechenland. Mykene. Das veranlasst Herrn Adamson dazu, ihm von den Ausgrabungen Schliemanns zu erzählen, an denen er teilgenommen hätte, der tote Mann plaudert aus dem Nähkästchen. Schon da begann ich langsam den Faden zu verlieren – wie kommen die beiden nach Griechenland ? Wie kann ein radelnder Polizist den Jungen einfach zurückbringen, wenn er doch quasi ins Totenreich eingedrungen ist ? Was bedeutet diese Reise nach Griechenland ? Ich habe stets irgendeine Verbindung zu antiken, griechischen Mythen gesucht, war mir sicher, es gäbe eine Metapherebene, die ich übersehen könnte. Ich bin bis zum Ende nicht fündig geworden.

Um nicht die ganze Geschichte vorweg zu nehmen – unser Protagonist kehrt irgendwie nach Hause zurück, wo er natürlich nach dem Vortrag seiner Geschichte für völlig verrückt gehalten und zu einem Kinderpsychiater geschickt wird, sieht Herrn Adamson niemals wieder, trifft allerdings Jahre später auf seine Enkelin, die sich in Amerika mit Aufständen der Indianer beschäftigt und gerade dabei ist, ein historisches Ereignis bis ins Detail aufzuklären. Dabei hilft der Erzähler, weil er da irgendwie hineinstolpert und zufällig die toten Indianer sehen kann, die bei diesem Massaker zwischen Militär und den Indianerstämmen ums Leben gekommen sind. Er übergibt Adamsons Enkelin den Koffer, der von Anfang an für sie bestimmt war und stirbt, nachdem er seiner Enkelin die ganze Geschichte auf Band gesprochen hat.

Es ist eine liebenswerte Geschichte, das muss ich sagen. Allerdings konnte ich einfach keinen Zugang zu ihr finden. Die Vorstellung, es gäbe Nachgeborene und man wäre auf wundersame Weise mit dem verknüpft, der im selben Augenblick stirbt wie man geboren wird, ist irgendeine Mischung aus wunderschön und gruselig. Vielleicht macht es den Gedanken an den Tod erträglicher, weil nicht nur gleichzeitig jemand die Bühne betritt, wenn du sie verlässt, sondern dass du nicht allein gehen musst. Vielleicht ist es schön, eine Lebensaufgabe zu haben – und sei es nur, einer mittlerweile alten Dame einen Koffer zu geben, in dem sich angeblich ein Geschmeide aus dem alten Griechenland befindet. Aber ich konnte weder unserem Erzähler noch Herrn Adamson selbst soviel abgewinnen, dass diese Gedanken mich emotional in der Geschichte gehalten hätten. Sie ist schön zu lesen, aber eine so grandios andere Thematisierung des Todes, eingebettet in einer humoristischen Geschichte, wie angekündigt, konnte ich darin nicht sehen.

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