Félix J. Palma – Die Landkarte der Zeit


Félix J. Palma ist ein spanischer Schriftsteller. Ursprünglich ausgebildeter Werbefachmann, wurde er bereits für mehrere Erzählungen und Romane ausgezeichnet, sodass er sich entschloss, niemals in diesem Beruf zu arbeiten. Für den obigen Roman bekam Palma 2008 den Premio Ateneo de Sevilla.

Wo fange ich an, nachdem ich gerade dieses bemerkenswerte Stück Literatur hinter mich gebracht habe ?

Andrew Harrington ist ein reicher Fabrikantensohn, der zu Beginn der Geschichte die feste und unumstößliche Absicht hat, sich das Leben zu nehmen. Es ist 1896, wir befinden uns im viktorianischen London und Andrew hat durchaus Gründe, diese Ausflucht allem anderen vorzuziehen, was ihn noch erwarten könnte. Acht Jahre zuvor hatte er sich gewissermaßen aufgrund eines Gemäldes in Mary Kelly verliebt, die der ein oder andere vielleicht als das fünfte Opfer Jack The Rippers kennt. Harrington wartete zu lange, bis er sich seinem Vater anvertraute und Marry Kelly aus Whitechapel in eine etwas komfortablere Umgebung brachte. Glücklicherweise hat aber vor kurzem eine Agentur namens Zeitreisen Murray in London eröffnet, die es ermöglicht, ins Jahr 2000 zu reisen, wo ein grausamer Kampf zwischen den Maschinen und den Menschen in Gange ist, der das Schicksal letzterer entscheiden wird. Wenn man also ins Jahr 2000 reisen kann, warum dann nicht in den grausamen November des Jahres 1888, in dem Mary Kelly den Tod fand ? Bedauerlicherweise muss Gilliam Murray, Veranstalter der Reisen ins Jahr 2000, Andrew und seinen Cousin an einen ganz anderen Mann verweisen – H.G. Wells. Wer sonst, wenn nicht der Autor des zu Ruhm gelangten Romans Die Zeitmaschine sollte eine besitzen ?

Hier blitzt schon kurz hervor, was ich für eine große Qualität dieses Romans halte. Die Verflechtung zwischen Wirklichkeit und Fiktion gelingt Palma so grandios, dass wir fiktionale Charaktere vollkommen selbstverständlich neben solchen der tatsächlichen Geschichte akzeptieren. Und da ist Wells nicht der einzige. Der sogenannte Elefantenmensch John Merrick hat einen Auftritt, Walter Sickert findet Erwähnung – und das nicht etwa in der Rolle Jack The Rippers, wie man nach Patricia Cornwells großartigem Verhüllungsbuch annehmen könnte – Liz Stride als früheres Opfer des Rippers sowie Bram Stoker & Henry James, denen entweder Palma oder Wells nicht besonders wohlgesinnt ist.

Andrews Geschichte ist allerdings nicht die einzige. Nachdem Wells Andrew durch die Macht seiner Phantasie rettete und einen Sinn im Leben schenkte, treffen wir Claire Haggerty, eine fürchterlich gelangweilte Zwanzigjährige, die überall lieber wäre als in ihrer eigenen Epoche. Auch sie erhält das Flugblatt von Zeitreisen Murray und beschließt mit ihrer Freundin diese Reise zu unternehmen. Aber nicht nur das, – um ihr Leben aufzupeppen, entscheidet sie sich auch dafür, in der Zukunft zu bleiben. Etwas verängstigt trifft sie dort auf Hauptmann Derek Shackleton, der das Schicksal der Menschen in einem Schwertkampf mit Maschinenmensch Salomon besiegeln, heißt: zum Guten wenden will. Und ja, das klingt alles wahnsinnig verworren und unglaubwürdig. Aber hört mir noch ein bisschen zu. Claire verliebt sich also in Hauptmann Shackleton, wird aber vom Reiseleiter der Cronotilus (des straßenbahnartigen Gebildes, was die Passagiere angeblich ins Jahr 2000 bringt) aufgelesen und, wie sie meint, in ihre Zeit zurückgebracht.

Zeitreisen Murray aber ist eine komplette Farce, das Jahr 2000 besteht aus einer Menge Bühnendekoration und einem um – und ausgebauten Theater. Und so passiert es, dass Claire Haggerty ihren Hauptmann Shackleton plötzlich auf einem Marktplatz mitten im London des Jahres 1896 trifft. Um aber seine Anstellung bei Zeitreisen Murray sowie sein Leben nicht zu gefährden, erfindet Hauptmann Shackleton, alias Tom Blunt, eine wahnsinnig komplizierte Geschichte.  Schließlich spricht ganz London von der Zeitreiseagentur. Auch hier spielt H.G. Wells wieder eine tragende Rolle als unterstützende Nebenrolle, gewissermaßen ist H.G. Wells der, dessen Präsenz sich konsequent wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte zieht. Aber auch einige Begebenheiten, die in der ersten Geschichte erwähnt werden, fließen in die späteren mit ein und mitunter kann man sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn Situationen so aufgeklärt und ergründet werden.

Mit der dritten Geschichte um Inspektor Garrett von Scotland Yard tut Palma allerdings etwas, was meiner Ansicht nach die gesamte Geschichte verdirbt. Ja, er hat das Ende vermasselt, komplett. Die Qualität des Buches entsteht für mich aus dem Spiel mit Erwartungen. Palma reizt die Wirklichkeit bis zum Äußersten, bisweilen sogar darüber hinaus und bevor man nicht erfährt, dass weder eine Reise ins Jahr 2000 möglich ist noch der Kampf zwischen Maschinen und Menschen stattfindet – Terminator lässt grüßen – ist man geneigt, all das zu glauben. Und während man gerade dabei ist, sich daran zu gewöhnen, wird diese Wirklichkeit eingerissen und wir stehen wieder vor der ganz normalen Alltäglichkeit des Londons 1896, ebenso nach Andrews Geschichte, die wir zunächst für bare Münze nehmen, dann aber eines besseren belehrt werden. Und darüber lächeln.

Dieses Spiel bricht Palma im letzten Teil der Geschichte ab, konsequent und auch ziemlich abrupt.

Plötzlich gibt es tatsächlich einen Zeitreisenden, es gibt den homo temporis, dessen Geschlecht H.G. Wells begründen soll, bzw. in einem Paralleluniversum begründet und das erfährt er durch einen Brief, den er von seinem zukünftigen Ich erhält. Es gibt Mord und Tatschlag und viel zuviel Action für die kleine und eigentlich zuvor ganz menschlich gestaltete Geschichte. Ob Palma das ganze mit einem Knall enden lassen wollte oder er einfach am Ende seiner Ideen war, ich weiß es nicht. Jedenfalls war er nicht in der Lage, das, was er begonnen hat, kongruent zu Ende zu führen. Das ist schade und ein bisschen Begeisterung für sein Werk ist mir dadurch verlorengegangen. Wie sagte schon Mort Rainey in Stephen Kings Secret Window ? – All that matters is the ending.

Davon aber abgesehen ist die Landkarte der Zeit ein grandioses Buch. Es hat von allem etwas. Es ist ein bisschen Abenteuer – und ein bisschen Kriminalgeschichte, ein bisschen Jules Verne, ein bisschen Liebesdrama, ein bisschen Charles Dickens in der Charakterausgestaltung und der brillianten Erzählweise. Palma führt geschickt Erzählstränge zusammen und die Sprachmelodie des Romans ist für meine Begriffe nahezu perfekt, soweit man das natürlich von einer Übersetzung behaupten kann, des Spanischen bin ich nicht mächtig. Dieses Buch unterhält, es hat Humor, es hat Gefühl. Dafür ist es allemal lesenswert. Und das Ende, lieber Herr Palma, überdenken sie doch bitte nochmal !

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