Haruki Murakami – Schlaf


Haruki Murakami ist ein japanischer Schriftsteller, für dessen Stil surrealistische und absurde Elemente unverzichtbar und charakteristisch sind. Bisweilen wird er auch dem magischen Realismus zugerechnet. Mittlerweile zählt Murakami zu den populärsten und einflussreichsten japanischen Autoren. Seine Werke wurden in über 40 Sprachen übersetzt und zum Teil als Filme oder Bühnenstücke adaptiert. Murakami führt außerdem eine Jazzbar in Tokio.

Bei Schlaf handelt es sich keinesfalls, wie der Verlag einem Glauben machen will, um eine Neuerscheinung, sondern um eine Kurzgeschichte, die breits 1993 in dem Erzählband Ein Elefant verschwindet erschienen ist. Grund für die Neuveröffentlichung ist vermutlich einerseits die steigende Popularität Murakamis, andererseits aber auch die absolut durchdringende Absurdität der Geschichte, die man mit Worten eigentlich nicht beschreiben, sondern, ähnlich wie bei Kafka, irgendwie fühlen muss.

Die namenlose Protagonistin, die wir hier begleiten, hat seit siebzehn Tagen nicht geschlafen. Anders als normale Schlaflosigkeit erschöpft sie aber weder Körper und Geist der erzählenden Frau. Sie bleibt fit, geht sogar zum Schwimmen, geht ihrem normalen Alltag nach. Alles, was sich verändert, ist ihre emotionale Wahrnehmung, die Wahrnehmung der Wirklichkeit und der Menschen, um sie herum, die sie zusehends als Last denn als Bereicherung empfindet. Ihren familiären Pflichten geht sie mehr wie eine Maschine nach, ohne, dass irgendjemandem eine Veränderung in ihrem Verhalten auffallen würde. Oder Murakami erwähnt es einfach nicht. Wie er überhaupt wenig erwähnt.

Grundsätzlich finde ich es als schriftstellerisches Experiment interessant, von einer Frau zu berichten, die seit siebzehn Tagen ohne Schlaf ist – und damit von einer Begebenheit, die die Grenzen zwischen Wach – und Traumzustand eklatant verwischt. Es wirft Fragen über unsere Wahrnehmung auf und unter welchen Bedingungen sie veränderlich ist. Und damit fehlbar. Murakami zeigt, wie diese Frau damit umgeht. Sie isst Schokolade und liest Anna Karenina. Jeden verdammten Abend. Aber da beginnt für mich das surrealistische Element, was ich bei Murakami nie verstanden habe – weshalb erschöpft diese Frau nicht ? Weshalb scheint sie die Schlaflosigkeit im Gegenteil sogar eher widerstandsfähiger zu machen ?

Es ist eben irgendwie einfach so. Bevor diese Schlaflosigkeit begann, hatte die Protagonistin einen alten Mann gesehen, merkwürdig gekleidet, der ihr Wasser über die Füße goss. Und ab dem Zeitpunkt, aufgeschreckt aus einer Art Trance, konnte sie nicht mehr schlafen. Nicht einmal ein paar Minuten. Wer zuvor schon einmal Kafka gelesen hat, wird unweigerlich dessen Einfluss in Murakamis Werk erkennen. Die Protagonisten bleiben blass, die Geschichte wirkt mehr wie ein Schattenspiel denn eine reale Begebenheit. Und das Ende kommt so abrupt, dass man sich für einen kurzen Moment wie bei einem Auffahrunfall fühlt. Die Geschichte hat Fahrt aufgenommen, um ganz plötzlich einfach zu verenden wie ein sterbendes Tier.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich mit Murakami vermutlich nie so arrangieren können werde, dass er mich begeistert. Ich würdige seinen Einfluss auf die Literatur, ich finde interpretatorische Ansätze, aber insgesamt ist mir sein Werk auf eine merkwürdige Weise fremd, zu science-fiction lastig und viel zu sehr insofern von seinen Eskapaden überzeugt als es nicht einmal versucht, Begründungen für das zu geben, was passiert. Aber vielleicht ist das japanischer Fatalismus, der alles nimmt, wie es eben kommt.

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