Max Scharnigg – Die Besteigung der Eiger Nordwand unter einer Treppe


Max Scharnigg ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er gehört zur Jetzt-Redaktion, schreibt regelmäßig Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung und wurde 2010 für den Ingeborg-Bachmann Preis nominiert. Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe ist sein Romandebüt.

Als ich dieses Buch zum ersten Mal in der Hand hielt, sah ich vermutlich sehr verwirrt aus. Nicht nur angesichts des Titels, der keinerlei andere Interpretation zulässt als die Tatsache, dass der Autor mit einem bewusst krude und seltsam gewählten Titel auf sich aufmerksam machen wollte, sondern auch beim Anblick des Titelbildes, das sich auf den ersten Blick einer richtig guten Interpretation entzieht.

Aber da ich durchaus ein Faible für merkwürdige Bücher habe, ließ ich mich nicht abschrecken.

Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt. Der Journalist Nikol Nanz entdeckt eines Tages vor seiner Wohnung ein fremdes Paar Schuhe, nimmt einen leichten Zwiebelgeruch wahr, hört seine Partnerin drinnen mit jemandem reden und wird dadurch so aus der Fassung gebracht, dass er beschließt, unter die Treppe des Hauses zu ziehen, um dort, weitgehend ungestört, an seinem Artikel über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand zu arbeiten.

Verschanzt hinter einem Papierkorb und einem alten Kinderwagen beobachtet er das Alltagsleben der Hausbewohner, ohne selbst von ihnen bemerkt zu werden – bis eines Tages (oder auch nur ein paar Stunden später) Herr Schmuskatz kommt und ihn aus seinem Versteck lockt.

Von Anfang an empfand ich den Protagonisten als unsympathisch und absolut nicht nachvollziehbar. Weshalb geht er nicht einfach in seine Wohnung, um nachzusehen, wer sich dort aufhält und mit welcher Begründung er dies tut ? (Das Ganze ist ja im Grunde für ihn nur deshalb so umwälzend, weil er und seine Partnerin sich systematisch von allen Kontakten und sozialen Verpflichtungen entbunden haben) Er sitzt nun also unter der Treppe und schreibt an seinem Artikel, wenngleich es auch den Eindruck erweckt als täte er selbst das bloß in Gedanken, bis er von Herrn Schmuskatz entdeckt und zum Essen eingeladen wird.

Auch Herr Schmuskatz ist ein etwas unkonventioneller Typ, aber auf eine wesentlich zugänglichere Art und Weise als der Herr Journalist. Sie essen Paprikahendl, reden über M., Nanz‘ Partnerin und beschließen letztlich, nach einem guten Goldwassergelage, die Eiger-Nordwand – oder auch das Treppenhaus – zu besteigen, um herauszufinden, was sich oben abspielt.

Diese parallel ablaufende Beschreibung des Aufstiegs, einmal im Treppenhaus und einmal an der Eiger-Nordwand, hat mich rein literarisch sehr beeindruckt. Schließlich ist es auch für Nanz‘ ein schwieriger Aufstieg, schließlich konfrontiert auch er sich mit etwas Übermächtigen, – mit etwas, was ihn aus seiner wohlkonstruierten Routine gerissen und unter der Treppe zurückgelassen hat.

Über das Ende kann man sehr geteilter Meinung sein, es lässt absolut alles offen und hat für den Leser keine Erklärung übrig. Insgesamt also ein interessantes, aber auch extrem schräges Buch, was vielleicht nicht jedem zu empfehlen ist.

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