Charles Dickens – Große Erwartungen


Charles Dickens (1812-1870) ist einer der berühmtesten, englischen Schriftsteller der Weltliteratur. Zu seinen berühmtesten Werken zählen Oliver Twist, Die Weihnachtsgeschichte, David Copperfield und das oben Erwähnung findende. Dickens gehört zu den meistgelesenen Schriftstellern der englischen Literatur.

Die meisten werden bei Dickens an den bösartigen Ebeneezer Scrooge denken, der durch die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht bekehrt und zu einem anständigen und liebenswerten Menschen gemacht wird. Ich muss ja als Dickensliebhaber sagen, dass sich in seinen Werken noch so unglaublich viele Schätze finden lassen, dass man sich keinesfalls auf diese Geschichte beschränken sollte, so schön sie auch jedes Weihnachten wieder auf’s Neue ist.

Sehen wir uns also mal an, ob die großen Erwartungen berechtigt sind.

Hauptperson ist der kleine Pip, ein Vollwaise, der von seiner überaus garstigen Schwester und deren Mann großgezogen wird. Seiner Schwester sitzen Hand und Mundwerk ziemlich locker, sodass Pip ein sehr trostloses und trauriges Dasein fristet, bis er eines Tages im Marschland einem geflohenen Häftling namens Magwitch begegnet, der ihn bittet, etwas für ihn zu erledigen. Er verhilft Magwitch zur Freiheit. Außerdem lernt er die alte Miss Havisham kennen, die in einem Haus voller Spinnweben und Staub in den Tag hineinlebt und sich von ihrer Pflegetochter Estella bespaßen lässt.

Immernoch verbittert darüber, an ihrem Hochzeitstag von ihrem Bräutigam verlassen worden zu sein, beschließt Miss Havisham, der Männerwelt den Rücken zu kehren und ihre Pflegetochter so zu erziehen, dass sie fähig wäre, an ihrer statt Rache am männlichen Geschlecht zu üben. Pip verliebt sich in Estella und versucht nun, in die höheren gesellschaftlichen Kreise vorzudringen, um vielleicht irgendwann auf Augenhöhe mit seiner geliebten Estella zu sein. Und ja, es ist einem absolut unbegreiflich, wie dieser kleine Junge, der von seiner Schwester ohnehin nur herumgestoßen wird, sich in ein Mädchen verlieben kann, was genau das Gleiche mit ihm tut.

Große Erwartungen ist ein Entwicklungsroman, der den jungen Pip bis ins Erwachsenenalter auf seinen Wegen begleitet.  Wir erleben seine Höhen und Tiefen, seine Hoffnungen und seine Ängste. Ein anonymer Gönner vermacht ihm ein Vermögen, er kommt nach London und lebt dort das Leben eines Mannes, der sich niemals Sorgen um seine Liquidität machen musste. Dickens zeichnet hier ein interessantes Gesellschaftsporträt, das keinesfalls auf Pip selbst begrenzt ist. Mr.Wemmick, der Schreiber seines Anwalts und Vormunds, Mr. Jaggers, lebt zwei Leben, mehrmals bittet er Pip, wenn dieser um Rat fragt, ihn doch noch einmal in einer privaten Umgebung aufzusuchen, die Spaltung zwischen Arbeit und privatem Mensch ist hiermit vollzogen.

Pip sagt sich, getragen von seinen hohen Erwartungen, von seiner Familie los, zeigt sogar dem Schmied Joe, mit dem er glücklich aufgewachsen ist, deutlich, dass dieser ihm zu „einfach“ , ja, vielleicht zu „proletarisch“ für sein neues Leben ist. Kurz: man könnte sagen, Pip wird durch seine eigenen Erwartungen und Ansprüche korrumpiert. Er macht Schulden, verliert zuletzt sogar gänzlich den Überblick über seine Finanzen.

All das währt solange, bis sein Gönner sich zu erkennen gibt und ihn in eine Wertkrise stürzt. Abgesehen von Dickens Sprache, die hier wirklich ein Genuss ist, dem unterschwelligen Humor, der einen immer wieder schmunzeln lässt, ist auch die Themenvielfalt sowie die psychologische Ausarbeitung großartig. Dickens gelingt es, alle Charaktere am Ende logisch zusammenzuführen, ohne, dass es gewollt oder gekünstelt wirkt. Er thematisiert nicht nur die zunehmende Entfremdung der Arbeiter von sich selbst und damit eine große Frage der Industrialisierung, sondern indirekt auch die Frage, welche Erziehung für ein Kind die richtige ist, respektive welche Schäden eine falsche anrichten kann.

Ich würde sogar fast sagen, Große Erwartungen ist der am besten durchdachte und sprachlich am ansprechendsten gestaltete Roman, den Dickens geschrieben hat. Und ich habe noch davor und danach einige andere gelesen, darunter Oliver Twist, Nikolas Nickleby, David Copperfield, Die Pickwickier, die berühmte Weihnachtsgeschichte und einige weniger berühmte, ich glaube, ich darf mir ein Urteil erlauben.

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3 Gedanken zu “Charles Dickens – Große Erwartungen

  1. Liebe Sophie, wow, ich finde Dickens wirklich nicht leicht zu beschreiben, insbesondere wenn man sowohl potentielle Leser als auch bereits-gelesen-Habende gleichwertig beglücken will. Wie du selbst sagst, in seinen Werken lassen sich einige Schätze finden… Das macht es jedoch auch schwierig für eine Rezension, weil man Gefahr läuft, sich in Einzelheiten zu verlieren. Aber bei dir klappts mehr als gut 🙂 ! Liebe Grüße, Julia

  2. Wundervolle Rezension! Ich las das Buch vor einigen Monaten und war fasziniert, sowohl von dieser sprachlichen Perfektion als auch der, wie du bereits schriebst, durchdachten Handlung. Zugegeben, manchmal habe ich mich auf Grund der Länge wenige Kapitel lang gequält, doch dieser Roman spricht mit so viel Seele zu einem, lässt nachdenken und lädt einen in eine seltsame, fast schon traurige Welt ein (man denke an die Marschen!). Ich wollte unbedingt einen Dickens lesen, weil ich am selben Tag wie er geboren wurde und viele mir sagten, dass ich ihn mögen werde, weil mir der Stil bei einem Roman äußerst wichtig ist – momentan lese ich fast nur Klassiker.

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