Gabriel García Márquez – Hundert Jahre Einsamkeit


Gabriel García Márquez ist kolumbianischer Schriftsteller, Journalist und Literaturnobelpreisträger des Jahres 1982. Er hat den, heute besonders dem südamerikanischen Raum zugeordneten, Stil des magischen Realismus entscheidend geprägt. Dieser bedient sich Elementen der Realität und einer magischen Wirklichkeit, vergleichbar mit einer Traumwirklichkeit oder halluzinatorischen Erlebnissen und vermischt beide Wahrnehmungen miteinander. Andere Vertreter des magischen Realismus sind Isabel Allende, Michail Bulgakow oder Haruki Murakami.

Márquez Familienepos begleitet die Familie Buendía über hundert Jahre.
Nachdem der Geist eines Verstorbenen José Arcadio Buendía, den Begründer der Sippe und seine Frau Ursula nicht mehr ruhig schlafen lässt, ziehen sie aus, um in der Einsamkeit des Dschungels ein Dorf zu gründen – Macondo. Ihnen werden zwei Söhne geboren, José Arcadio und Aureliano. Der eine wird ein in sich gekehrter Wissenschaftler und Tüftler, der zweite ein grauenhafter Despot und Aufrührer. Eine Inhaltsangabe zu diesem Werk abzugeben, ist aufgrund der Fülle an Handlungssträngen und Personen nahezu unmöglich. Daher möchte ich mich darauf beschränken, es ein mystisches Familienmärchen zu nennen.

Das Buch weiß zunächst mit den Schilderungen der Gründung Macondos und der Zigeunerbesuche zu fesseln. Immer wieder bringen herumfahrende Zigeuner neue Erfindungen nach Macondo und stacheln so José Arcadio Buendías Forschertrieb an. Seine Frau treibt er mit der Suche nach Gold oder der Entwicklung einer durch Sonnenenergie betriebenen Kriegsmaschine nahezu in den Wahnsinn – aber man sieht, wie Macondo zu wachsen und sich zu entwickeln beginnt, man erlebt die Aufbruchsstimmung und die Hoffnung genau wie den Argwohn gegenüber all jenem, das man nicht kennt.

Die erste Generation ist noch durchschaubar, wenn sich auch hier schon ein Problem andeutet, das sich proportional zum Nachwuchs der Familie Buendía vergrößert. Homonymien – bedeutet, Namensgleichheiten. Beinahe alle Buendiás tragen den Namen Arcadio oder Aureliano. Zwar mit dem ein oder anderen Zusatz, wie bei Aureliano Segundo, aber mit steigender Anzahl Familienmitglieder verliert man vollends den Überblick. Ich musste mich mithilfe eines Diagramms ab Mitte des Buches immer wieder versichern, dass mir die Verwandtschaftsverhältnisse richtig im Gedächtnis geblieben waren, gen Ende habe ich mich einfach von der Geschichte treiben lassen, ohne das präzise nachvollziehen zu wollen.

Eine Geschichte gibt es allerdings im konventionellen Sinne nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Aneinanderreihung von Familienanekdoten. Wem viel an Dialogen und Interaktion gelegen ist, sollte sich nicht in die Welt der Buendías begeben – dort ist man nicht nur einsam, sondern auch verhältnismäßig schweigsam, von einigen besonderen Begebenheiten abgesehen.

Wie dem magischen Realismus eigentümlich, wimmelt es auch in Márquez Werk von zahlreichen seltsamen und unerklärlichen Situationen, die man entweder zauberhaft oder einfach nur komisch und absurd finden kann. Ich gehöre leider zu der Fraktion, die dieser Art von Magie nicht viel abgewinnen können. In der Regel ist mir das wesentlich zu seltsam. Hier gibt es Rebeca, die sich vom Kalk der Wände und Erde ernährt, es gibt spukende Geister, einen Mechaniker, der immer von gelben Nachtfaltern umflattert wird, Kinder, die mit Schweineschwänzen geboren werden, grausame und unästhetische Todesfälle.

Eigentlich alles, was es braucht, um einen Roman spannend zu machen, aber Márquez‘ Meisterwerk zieht sich an einigen Ecken und Enden doch sehr. Inbesondere in Zeiten des Bürgerkriegs, in denen Oberst Aureliano Buendías Furunkel eine tragende Rolle spielen und die Handlung sich kaum voranbewegt.

Es war also durchaus nicht nur ein Genuss, dieses Buch durchzulesen. Dieses Buch fordert, es ist kein Werk, das man problemlos in ein paar Tagen durchlesen kann. Es erfordert Beschäftigung mit der Materie, auch von literaturwissenschaftlicher Seite. Und es fordert die Bereitschaft, sich ein wenig auf die Welt einzulassen, die Márquez inmitten der banalen Wirklichkeit erstehen lässt.

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